Erwin Bootz
geboren am 30.06.1907 , gestorben am 27.12.1982
geboren in Stettin als Sohn eines Musikalienhändlers, 3 Geschwister und 4 Stiefgeschwister. ab 4. Lebensjahr Klavierspiel, ab 10. Lebensjahr Klavierunterricht
ab 1920
am Konservatorium in Stettin, ab 1924 Hochschule für Musik in Berlin.
ab März 1928
auf Vermittlung von
Leschnikoff
Mitwirkung bei der Gruppe als Pianist und Arrangeur, zunächst unter dem Namen
Melody Makers,
ab dem ersten Auftritt im Großen Schauspielhaus als Comedian Harmonists (für Frommermann, der ab diesem Zeitpunkt als 3. Tenor eingesetzt wurde).
Dezember 1930 - Juli 1931
- Erwin Bootz verließ die Gruppe von Dezember 1930 bis Juli 1931 für eine Solokarriere, kehrte dann aber zurück .
1932
Heirat mit Ursula Elkan
ab Sommer 1935
mit Biberti, Leschnikoff
und weiteren Mitgliedern Mitwirkung im
"Meistersextett".
1938
Scheidung von seiner jüdischen Ehefrau.
Juni 1938
Ausscheiden aus dem "Meistersextett", danach musikalischer Leiter, Dirigent, Komponist, Texter und Solist des Kabarett der Komiker in Berlin, komponierte
Revuen ("Träum von mir", "Frühling und Liebe", "Es liegt was in der Luft").
1939
erneute Heirat
ab 1940
freischaffend auf Tournee, u.a. mit dem Orchester Georges Boulanger.
Januar 1942
Einberufung zur Wehrmacht, Mitwirkung bei der kulturellen Truppenbetreuung, Soldatensendungen beim Berliner Rundfunk, Wunschkonzert, Berliner Künstlerfahrt.
1944
Geburt eines Sohnes.
April 1945
Aufgebot beim Volkssturm in Berlin, nach Kriegsende Mitwirkung als Solist im Varieté, Auftritte beim Rundfunk und in Kinos.
1946
Bildung eines Frauengesangsensembles
The singing Stars,
welches sich aber bald wieder auflöste, Scheidung von seiner 2. Frau.
ab Juni 1948
beim Sender Leipzig, danach als Synchronsprecher bei der Bavaria in München, dann als Synchronautor und Dialogregisseur für MGM in München, Berlin und Hamburg.
1959
wegen Steuerschulden Auswanderung nach Kanada, zunächst als Versicherungsagent, später als Barpianist, regelmäßige Auftritte im kanadischen Rundfunk und Fernsehen; dort Heirat mit seiner aus Deutschland stammenden 3. Frau Helli
1971-1980
Rückkehr nach Hamburg, zunächst Übersetzer, danach musikalischer Leiter am Schauspielhaus Bochum. Tätigkeit am Theater in Bremen und am
Schillertheater Berlin.
Rundfunksendungen zur Geschichte des Ensembles. 1973 Mitwirkung im
Spielfilm "Die Zärtlichkeit der Wölfe"
von Ulli Lommel (mit Rainer Werner Faßbinder).
1975 Interview mit Eberhard Fechner für den Film, 1976 Auftritt im
Dresdener Kabarett "Herkuleskeule".
1980 im "Tempodrom" Berlin.
27.12.1982
Erwin Bootz stirbt in Hamburg
Erwin Bootz – das Klavier als siebte
Stimme
Die meisten Hörer, so wie auch ich anfangs, nehmen das Klavier lediglich als Begleitung
wahr.
Ich glaube, genau das sollte bei Erwin Bootz nicht so sein, sondern ist ein fataler Irrtum.
Bei den Comedian Harmonists ist meines Erachtens das Klavier eine
eigenständige Stimme.
Bootz begleitet nicht. Er musiziert mit.
Seine Ausbildung
Erwin Bootz erhielt eine klassische pianistische Ausbildung und
verfügte über eine ausgezeichnete Technik. Gleichzeitig hatte er
ein außergewöhnliches Gespür für Unterhaltungsmusik, Jazz und
Tanzrhythmen – eine Kombination, die Ende der 1920er Jahre
keineswegs selbstverständlich war.
Seine Anschlagstechnik
Wenn man genau, aber wirklich genau zuhört, fällt auf:
Der Anschlag ist:
leicht,
federnd,
niemals hart,
äußerst präzise.
Selbst schnelle Passagen wirken nie hektisch.
Das erinnert eher an französische Pianisten als an die damals
häufig anzutreffende kräftige deutsche Klavierschule.
Anmerkung: so hatte es mir mein Bruder Helmut berichtet, der selbst ein hervorragender und begnadeter Akkordeonspieler war (meine pers. Meinung: besser als Will Glahe)
ein weiteres Beispiel:
Das Pedal
Ein Punkt, den viele, auch ich anfangs, überhören zbw überhörten:
Bootz benutzt das rechte Pedal ausgesprochen sparsam.
Warum?
Weil zu viel Pedal den Chorklang verschmieren würde.
Sein Spiel bleibt deshalb erstaunlich transparent.
Rhythmus
Hier war Bootz vermutlich der eigentliche Motor.
Er hält
Tempo,
Puls,
Swing,
Phrasierung
mit einer unglaublichen Sicherheit.
Es ist möglicherweise vermessen aber ich würde sogar behaupten:
Wenn Bootz rhythmisch schwanken würde, würde der gesamte
Satz an Stabilität verlieren und die vocale Interpretion des Ensembles wäre dahin.
Zusammenspiel mit den Sängern
Möglicherweise seine größte Leistung, eine Spitzenleistung
Er reagiert ständig auf die Sänger.
Er
wartet,
beschleunigt minimal,
nimmt Dynamik zurück,
hebt Einsätze hervor.
Ist es übertrieben wenn ich wage zu sagen:"Man hört förmlich, wie er "atmet."!?
So ein Können nenne ich:
echte Kammermusik.
Dynamik
Bootz spielt fast nie wirklich laut, eher leise und untermahlt die Stimmen.
Er weiß genau:
Fünf Sänger produzieren wesentlich mehr Klangenergie als ein
Klavier.
Deshalb hält er sich bewusst zurück.
Das zeugt von großem musikalischen Stilgefühl.
Die linke Hand
Mich fasziniert besonders seine linke Hand.
Sie ist niemals schwer.
Sie gibt den Bass vor,
ohne Robert Biberti Konkurrenz zu machen.
Das gelingt nur wenigen Pianisten.
Die rechte Hand
Sie erfüllt eine andere Aufgabe, aber welche?
Sie
verbindet die Harmonie,
ergänzt fehlende Akkordtöne,
liefert kleine Gegenmelodien,
und letztlich, unterstützt die Rhythmik.
Man könnte fast meinen:
Die rechte Hand singt mit.
Aus dirigentischer Sicht:
Würde sich Heutzutage ein Ensemble ähnlich der Comedian Harmonists vorbereiten, und zusammenfinden
sollte der Pianist m.E. zuerst mit den Sängern arbeiten.
Nicht andersherum.
Denn Bootz war kein Begleiter im klassischen Sinn,
sondern
Er war der
musikalische Mittelpunkt
und das sollte der Pianist auch in einem Ensemble in der heutigen Zeit sein.