Was war im Jahr Anno 1922
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eine freie Enzyklopädie.
Vertrag von Rapallo
Rapallo, Sonntag, 16. April 1922
Die Isolierung des Deutschen Reichs, das sich erfolglos um eine Revision der Reparationsansprüche bemüht, führt zur Annäherung an Russland.Das Deutsche Reich schließt mit Sowjetrussland einen Vertrag auf der Grundlage gegenseitiger Gleichberechtigung. Das Abkommen beinhaltet den beidseitigen Verzicht auf Reparationsansprüche, die sofortige Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die Meistbegünstigung für Handelsbeziehungen.
Der Sowjetstaat ist damit zum ersten Mal völkerrechtlich anerkannt. Kurz zuvor hatten sich auf der internationalen Wirtschaftskonferenz in Genua deutsche Hoffnungen auf Zugeständnisse in der Reparationsfrage zerschlagen. Entgegen deutschem Wunsch blieb diese Frage in der Agenda unberücksichtigt. Damit ist das eigentliche Ziel des Reichskanzlers Joseph Wirth (Zentrum) und des Außenministers Walther Rathenau (DDP), die Anbindung an die Westmächte, unerreichbar.
»Nanuk« wird Publikumshit
New York, Sonntag, 11. Juni 1922
Das Genre des Dokumentarfilms erlebt mit einem Werk über das Leben der Inuit den Durchbruch.
Die französische Filmgesellschaft Pathé zeigt den Dokumentarfilm »Nanuk, der Eskimo«, der – völlig unerwartet – von der Kritik wie auch vom Publikum begeistert aufgenommen wird.
Regie führt der in Kanada aufgewachsene
US-Amerikaner Robert J. Flaherty,
der allein aus dokumentarischem Interesse zum Film kam. Für »Nanuk, der Eskimo« lebt Flaherty zwei Jahre mit den Inuit, wie sich die Ureinwohner in der nordkanadischen Subarktis selbst bezeichnen. In romantisierenden Bildern schildert Flaherty, der als einer der Väter des Dokumentarfilms gilt, den Alltag Nanuks und seiner Familie, ihre Jagdgewohnheiten und ihren täglichen Überlebenskampf gegen die Natur.
Verbissener Bürgerkrieg um Irlands Zukunft
Dublin, Freitag, 16. Juni 1922
Die Frage der endgültigen Abtrennung Nordirlands und seines Verbleibs bei Großbritannien spaltet ehemalige Kampfgenossen bis zum blutig ausgetragenen Bürgerkrieg.Bei den Wahlen im Freistaat Irland erringt die gemäßigte Sinn-Fein-Fraktion unter Arthur Griffith 92 Abgeordnetensitze, die radikalen Sinn-Fein-Anhänger von Eamon de Valera erhalten 36 Mandate.
Damit spricht sich die Mehrheit der Bevölkerung für den am 21. Dezember 1921 zwischen der britischen Regierung und dem Freistaat geschlossenen Vertrag aus, der dem Freistaat den Status eines britischen Dominions innerhalb des Commonwealth verleiht, sowie Eigenverantwortlichkeit in legislativer und exekutiver Hinsicht und eine eigene Militärmacht zugesteht. Im Gegenzug muss der Freistaat die endgültige Abtrennung Nordirlands, des protestantischen Ulster, akzeptieren.
De Valera und seine radikalen Gefolgsleute sehen in der Vereinbarung die Interessen der irischen Republik verraten, denn Ziel des irischen Freiheitskampfes war die Unabhängigkeit der gesamten grünen Insel. Auch Griffith und seine Anhänger streben die Errichtung einer souveränen Republik an, doch hoffen sie, auf dem Wege des erlangten Kompromisses mit Großbritannien mehr erreichen zu können. Die Folge ist ein verzweifelter Bürgerkrieg, der seit Anfang Juni in Südirland tobt.
Mit der einstigen Armee der Sinn Fein, der IRA (Irish Republican Army), versucht de Valera, die eigene Regierung zur Fortsetzung des Kampfes gegen London zu zwingen.
Unabhängigkeit
Nachdem die Politik der vollständigen Vertreibung der Briten aus Irland keine Aussicht auf Erfolg hat, gründet Eamon de Valera (* 14.10.1882), der herausragende irische Politiker des 20. Jahrhunderts 1926 die gemäßigte Fianna-Fáil-Partei. Mit ihr strebt der mehrfache Ministerpräsident (1932-48; 1951-54; 1957-59) und langjährige Staatspräsident (1959-73) eine allmähliche Loslösung von Großbritannien an. Mit der Verfassung von 1937 erreicht Irland die volle Souveränität. 1949 tritt es aus dem britischen Commonwealth of Nations aus. Das Ulster-Problem des zu Großbritannien gehörenden Nordirland überschattet bis heute die irische Innen- und Außenpolitik.
Fememord an Rathenau
Berlin, Samstag, 24. Juni 1922
Rechte Republikfeinde ermorden den als »jüdischen Erfüllungspolitiker« diffamierten deutschen Außenminister Walter Rathenau.Mitglieder der rechtsextremen Organisation Consul erschießen den DDP-Politiker auf der Fahrt ins Auswärtige Amt. Der Wagen Rathenaus wird von Maschinenpistolenkugeln durchlöchert und von einer Handgranate zerfetzt.
Wegen seines Eintretens für die Erfüllung der Weltkriegs-Reparationen war der Großindustrielle und Außenpolitiker mehrfach angefeindet und bedroht worden. Die Organisation Consul ist Nachfolgerin der Brigade Ehrhardt, die 1920 maßgeblich am Kapp-Putsch beteiligt war. Ihr Ziel ist der Sturz der Weimarer Republik.
»Ulysses« – Prototyp des modernen Romans
Paris, Freitag, 1. September 1922
Der IreJames Joyce
erneuert in formaler Kühnheit Stil, Syntax und Erzähltechniken und begründet seinen Ruf als literarisches Genie.
Sylivia Beach, Inhaberin der Pariser Buchhandlung Shakespeare & Co. bringt eine zensierte Fassung der ersten vollständigen Ausgabe des Romans »Ulysses« von James Joyce heraus.
Das bereits 1921 abgeschlossene Werk, an dem Joyce über sieben Jahre lang gearbeitet hat, ist schon seit 1918 auszugsweise in der Zeitschrift »The Little Review« erschienen, was den verantwortlichen Redakteuren Gefängnisstrafen einbrachte. In den USA und in Großbritannien ist »Ulysses« wegen der »Behandlung sexueller Dinge in der Alltagssprache der unteren Klasse« zunächst verboten. Bei der Literaturkritik hat der Roman ein starkes, aber gespaltenes Echo hervorgerufen. Während seine Gegner dem Autor Pornographie und nahezu unverständliche Schreibweise vorwerfen, rühmen seine Bewunderer Joyce zunächst als radikalen Erneuerer der literarischen Technik, später als Klassiker der Moderne.
Der in 18 Episoden unterteilte Roman spielt auf der Zeitebene eines einzigen Tages vor der Kulisse der irischen Hauptstadt Dublin. In bisher nicht gekannter minutiöser Genauigkeit schildert er, was drei Menschen am 16. Juni 1904 bis drei Uhr am nächsten Morgen tun und erleben, wem sie begegnen, was sie denken und fühlen. Durch weite Exkurse in Mythos und Geschichte sowie individuelle Gedankenströme und Träume wird die enge Begrenzung der Romanzeit permanent unterbrochen und erweitert.
Mit Hilfe der Technik des inneren Monologs, der den bisher üblichen fiktiven Erzähler überflüssig macht, erfasst Joyce auch die psychischen Vorgänge der Personen. Dabei experimentiert er mit Wortschöpfungen und -verkürzungen, mit Syntax und Interpunktion. Neben unvermittelten Standortwechseln arbeitet Joyce mit Stilmischungen. Am bekanntesten ist der Schlussmonolog der Molly Bloom, der sich als Ineinanderströmen von Gedanken zu einem einzigen seitenlangen Satz ausdehnt. Durch die neue Erzähltechnik sowie die Motiv- und Symbolfülle ist ein bahnbrechendes Werk der Literaturgeschichte entstanden, das Epos, Chronik, Drama, Reportage, Essay und Entwicklungsroman zugleich ist.
Hauptpersonen des Romans sind der jüdische Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom, seine Ehefrau Molly und der junge Schriftsteller Stephen Dedalus. Korrespondenzfiguren in der Homer'schen »Odysee« sind Odysseus, seine Frau Penelope und Telemachos, der seinen Vater suchende Sohn des Odysseus. Durch den nahtlosen Übergang von Alltagsgeschehen, persönlichem Erleben, Geschichte und Mythos werden die Personen des Romans exemplarische Vertreter der modernen Zivilisation.
Joyce, am 2. Februar 1882 in Dublin geboren und aufgewachsen, veröffentlichte 1905 seinen Erzählband »Dubliners«, 1916 den Roman »Ein Porträt des Künstlers als junger Mann«. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Sprachlehrer. Den 16. Juni 1904, den Tag an dem Joyce seine Lebensgefährtin Nora Barnacle kennengelernt hatte, feiern Anhänger heute als »Bloomsday«.
Faschisten greifen nach der Macht
Rom, Samstag, 28. Oktober 1922
Auf dem Höhepunkt einer terroristischen Gewaltwelle gegen Sozialisten und Kommunisten erzwingt der Faschistenführer Benito Mussolini seine Machtübernahme in Italien.Faschistische Kampfbünde marschieren auf die italienische Hauptstadt. Die Androhung von Gewalt veranlasst König Viktor Emanuel III. am 29. Oktober, den Faschistenführer Benito Mussolini zum Ministerpräsidenten zu ernennen.
Als sich die von den Sammelpunkten Civitavecchia, Monterotondo und Tivoli aufbrechenden 40 000 Faschisten Rom nähern, tritt Ministerpräsident Luigi Facta zurück. Sein vorläufiger Amtsnachfolger Antonio Salandra trägt dem König vergeblich die Ausrufung des Belagerungszustandes und eine Verteidigung der Stadt mit militärischen Mitteln an.
Viktor Emanuel III. verspricht sich von einem Bündnis mit den Faschisten mehr Chancen für den Fortbestand der Monarchie als durch ihre Bekämpfung. Auch Militär, Wirtschaft, Industrie und weite Teile des Bürgertums, die den Autoritätsanspruch Mussolinis für die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen nutzen wollen, unterstützen die Faschisten. Die Bevölkerung erhofft sich von der neuen Bewegung einen Ausweg aus der seit Kriegsende herrschenden Wirtschaftskrise. Sozialisten und Kommunisten verlieren aufgrund der sich verstärkenden Auseinandersetzungen in der Linken Anhänger.
Benito Mussolini
Der spätere Führer der italienischen Faschisten (* 29.7.1883) wurde 1915 wegen seines extremen Nationalismus aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen, deren Parteizeitung »Avanti!« er seit 1912 leitete. Seine Rednergabe und der Terror seiner »Schwarzhemden« erzwingt seine Ernennung zum Ministerpräsidenten. Im Rückgriff auf altrömisches Cäsarentum und Gewaltpolitik führt er Italien an der Seite Nazideutschlands in den Zweiten Weltkrieg. 1945 wird er auf der Flucht erschossen.
BBC erhält Sendelizenz
London, Dienstag, 14. November 1922
Das sich in ganz Europa schnell verbreitende kommerzielle Rundfunkwesen führt zur Gründung der BBC.Mit der BBC, der British Broadcasting Company (ab 1927 British Broadcasting Corporation), nimmt der dritte kommerzielle Rundfunksender in Europa seinen Betrieb auf. Hauptträger der BBC sind sechs große Radiofirmen.
Am 1. September waren bereits der russische Komintern und am 6. November der französische Sender Radiola gestartet. Die Gründung des öffentlichen Rundfunks im Deutschen Reich erfolgt am 29. Oktober 1923. In den USA gibt es bereits 600 Stationen und rd. 1 Mio. Empfangsgeräte. Zwar gibt es auch in Großbritannien einzelne kleine Sender, doch sie können kein eigenes Programm entwickeln, da sie alle zehn Minuten ihre Frequenzen für offizielle Regierungsmeldungen zur Verfügung stellen müssen. Die Sendelizenz erhält die BBC am 18. Januar 1923.
Russland dominiert die neue UdSSR
Moskau, Samstag, 30. Dezember 1922
Mit der UdSSR realisieren die Bolschewiki eine föderative Form, die in Verbindung mit der Weltrevolution eine Ausweitung des Kommunismus ohne Annexionen ermöglicht.
2215 Delegierte aus Russland, der Ukraine, Weißrussland und den drei kaukasischen Republiken Georgien, Armenien und Aserbaidschan gründen auf dem I. Allunions-Sowjetkongress die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Damit sind jetzt rd. 134 Mio. Menschen Bürger der Sowjetunion.
Festgelegt wird die Gleichberechtigung der Länder, ebenso wie die Möglichkeit eines Austritts aus der Union. Damit knüpft Sowjetrussland ein enges Band mit den Sowjetrepubliken, mit denen es bis dahin nur durch Verträge verbunden war. Zum Ehrenpräsidenten des 25-köpfigen Präsidiums wird der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Russlands, Wladimir I. Lenin, gewählt. Lenin selbst kann an dem Kongress nicht teilnehmen, da er am 16. Dezember einen zweiten Schlaganfall erlitten hat.
Josef W. Stalin, seit dem 3. April Generalsekretär der Bolschewiki, hält auf dem Kongress das Grundsatzreferat über die Vereinigung der Sowjetrepubliken. Formell bekennt er sich darin zu der von Lenin propagierten Autonomie der einzelnen Sowjetrepubliken, macht aber deutlich, dass der Verwaltungsapparat der UdSSR streng den Prinzipien des demokratischen Zentralismus unterworfen ist. Dieses Organisationsprinzip bedeutet in der Praxis, dass die Leitungsebene der Partei zwar demokratisch gewählt wird, aber die Befehlshoheit über die unteren Parteiorgane ausübt. Übertragen auf die föderative Organisation der UdSSR kommt dies der eindeutigen Dominanz der Russischen über die anderen Sowjetrepubliken gleich.
Nationalitätenkonflikt: Der im Russozentrismus enthaltene politische Sprengstoff wird durch die Tatsache deutlich, dass nahezu die Hälfte der Einwohner der UdSSR nicht russischer Nationalität ist. Lenin erkennt dieses Problem und äussert sich besorgt über die chauvinistische Haltung Stalins in der Nationalitätenfrage. Stalin hat im Februar 1921 russische Sowjettruppen nach Georgien befohlen und die menschewistisch, d.h. sozialdemokratisch orientierte Regierung stürzen lassen. Nach Stalins Auffassung sollte die bolschewistische Partei im Zweifelsfall die notwendigen politischen Entscheidungen immer nach dem Dogma »National in der Form, sozialistisch im Inhalt« treffen.
Hungerkatastrophe: Eine Missernte infolge einer Dürreperiode führt in weiten Teilen Russlands zu einer schweren Hungersnot. Vor allem Gebiete im Süden und an der Wolga sind davon betroffen. 19 Mio. Menschen sind direkt vom Hungertod bedroht. Täglich sterben Tausende an Entkräftung und Seuchen.
Stabilität der Republik im Zweifel
Sonntag, 31. Dezember 1922
Die erstarkenden antidemokratischen Kräfte vom linken und rechten Rand des politischen Spektrums bedrohen die junge Republik.Gesetz gegen Terror: Der Reichstag verabschiedet am 18. Juli das Republikschutzgesetz. Damit erhält die Regierung die Möglichkeit, gegen republikfeindliche Gruppen gerichtlich vorzugehen. Zu ihnen gehören Organisationen, in denen sich ehemalige Offiziere und Freikorpsmitglieder mit monarchistischer und antisemitischer Gesinnung zusammenfinden. Sie sind verantwortlich für eine Reihe von Attentaten, deren Höhepunkt die Ermordung von Außenminister Walther Rathenau ist.
Machtkampf mit Bayern: Trotz der Annahme durch die Zweidrittelmehrheit des Reichstages verweigert das Land Bayern die Übernahme des Gesetzes. Die rechtsgerichtete Landesregierung in München, die mit rechtsextremistischen Gruppen wesentlich nachsichtiger verfährt, nimmt Anstoß an der antiföderalen und antimonarchistischen Tendenz des Gesetzes und übernimmt erst am 24. August eine Kompromissfassung des Republikschutzgesetzes.
Straßenschlachten: Bei Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Mitgliedern des rechtsgerichteten Bundes für Freiheit und Ordnung gibt es am 15. Oktober in Berlin einen Toten und 1000 Verletzte. Die mit Totschlägern und Messern ausgetragenen Kämpfe beginnen, als KPD-Anhänger versuchen, eine Versammlung des Bundes im Zirkus Busch zu verhindern.
Erster Lichttonfilm: Mit dem Film »Der Brandstifter« stellen die deutschen Ingenieure Hans Vogt, Jo Benedict Engl und Joseph Massolle am 17. September in Berlin den ersten Film mit integrierter Lichttonspur vor. Bei dem sog. Triergon-Verfahren werden Schallwellen in elektrische Impulse und diese wiederum in Licht umgewandelt, das die Silberbeschichtung des Filmnegativs schwärzt. Das durch den Positivstreifen hindurchscheinende Licht der Projektionslampe wird wieder in elektrische Impulse verwandelt, die zuletzt eine schallerzeugende Membran zum Schwingen bringen. Die integrierte Tonspur revolutioniert den Unterhaltungsfilm und die Filmindustrie.
Polymerchemie: Der deutsche Chemiker Hermann Staudinger entdeckt, dass organische Riesenmoleküle, wie z.B. Kautschuk oder Zellulose, aus kleineren Strukturelementen, sog. Monomeren, bestehen. Er begründet die Polymerchemie.
Nationalhymne
Reichspräsident Friedrich Ebert (MSPD)
erklärt am 2. September das »Deutschlandlied« des Lyrikers
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
zur Nationalhymne des deutschen Volkes.
Hymnen patriotischen Inhalts sind seit der Französischen Revolution, in der die »Marseillaise« zum Kampflied wurde, in den europäischen Nationalstaaten populär. Das seit der Reichsgründung von 1871 oft zu feierlichen Anlässen im Kaiserreich gespielte »Heil dir im Siegerkranz« war mit der Novemberrevolution und dem endgültigen Sturz der Monarchie 1918 obsolet geworden.
Melodie: Die neue Hymne wird nach der Melodie der alten österreichisch-ungarischen Kaiserhymne »Gott erhalte Franz den Kaiser« gesungen, die von Joseph Haydn 1796/97 komponiert wurde. Die Vertonung des ursprünglichen Textes von Lorenz Hascka war von Haydn als Kampflied gegen die Bedrohung Wiens durch Napoleon 1796 gedacht. Dabei hatte er sich an der englischen Hymne »God save the King« orientiert.
Text: Hoffmann von Fallersleben hatte die drei Strophen 1841 unter dem Eindruck der antirestaurativen Einigungsbewegung in den deutschen Staaten niedergeschrieben. Der Verleger Julius Campe veröffentlichte sie mit der Melodie von Haydns Kaiserhymne. Das Lied verbreitete sich damals rasch in den bürgerlich-liberalen Kreisen. Der besonders in den ersten beiden Strophen »Deutschland, Deutschland über alles...« und »Deutsche Frauen, deutsche Treue ...« zum Ausdruck kommende Nationalismus trifft Anfang der 20er Jahre nach den aufgezwungenen Gebietsabtretungen und Reparationsleistungen im Versailler Vertrag auf ein empfängliches Publikum.
Hymnenstreit: Nach dem Missbrauch der Hymne in der NS-Zeit und einem langjährigen Hymnenstreit darf bei offiziellen Anlässen seit dem 2. Mai 1952 nur noch die dritte Strophe gesungen werden.