Was war im Jahr Anno 1906
„Wikkitube.de“ ist mehr als eine Chronik. Es ist und wird ein multimediales Erlebnis, das Geschichte hörbar, Fühlbar und nachvollziehbar macht. Fast schon eine Enzyklopädie, eine freie Enzyklopädie.
London,
30. Januar 1906
Erdrutschsieg für Liberale
Der Wahlerfolg der britischen Liberalen bedeutet die Hinwendung zum industriellen Sozialstaat und zum Prinzip des Freihandels.
Die Wahlen zum britischen Unterhaus enden mit einer vernichtenden Niederlage der Konservativen. Die Liberalen können die Zahl ihrer Abgeordneten mit 377 mehr als verdoppeln.
Im Sommer und Herbst 1905 hatten Nachwahlen die konservative Regierungsmehrheit von 134 auf 68 Abgeordnete schrumpfen lassen. Als daraufhin der konservative Premier Arthur James Balfour zurücktrat, übernahmen im Dezember die Liberalen unter Henry Campbell-Bannerman die Regierung. Durch die Neuwahlen wird die neue Regierung parlamentarisch abgesichert.
Große Beachtung im In- und Ausland finden die Abgeordneten der Labour Party, da zum ersten Mal in der britischen Geschichte neben den beiden traditionellen Parteien Arbeitnehmervertreter als geschlossene selbstständige Gruppierung auftreten.
Die Labour Party entstand durch den Zusammenschluss der Independent Labour Party, der Fabian Society und des Labour Representation Committee. Insgesamt ziehen 53 Arbeitervertreter ins britische Parlament ein.
Duse contra Bernhardt
Kristiania, Donnerstag, 8. Februar 1906
Die zwei größten Schauspielerinnen ihrer Zeit, gleichzeitig erbitterte Rivalinnen, befinden sich auf Tournee.
Die italienische Tragödin Eleonora Duse begeistert während ihrer Europa-Gastspielreise in Henrik Ibsens Drama »Hedda Gabler« in Norwegen, Sarah Bernhardt bestreitet eine Amerika-Tournee. Während Sarah Bernhardt einen plakativen und leidenschaftlichen Darstellungsstil auf die Bühne bringt, verkörpert die Duse den eher sensiblen Frauentyp.
Militär löst ungarisches Parlament auf
Budapest, Montag, 19. Februar 1906
Der Streit zwischen der ungarisch-nationalistischen Opposition und dem österreichischen Kaiser Franz Joseph I. erreicht einen Höhepunkt.
Militär- und Polizeieinheiten räumen das ungarische Parlament, in dem die nationalistische Oppositionskoalition die Mehrheit hält.
Die radikalen Anhänger von Lajos Kossuth (1802-1894), der als Nationalheld verehrt wird, verlangten, das staatsrechtliche Band zwischen Österreich und Ungarn aufzulösen und auf eine Personalunion zu beschränken. Weitere Hauptforderungen waren die Schaffung eines autonomen ungarischen Staatsgebiets und die Einführung des Ungarischen, anstelle des Deutschen, als Kommandosprache in den ungarischen Regimentern.
Am 27. Januar 1906 empfing der österreichische Kaiser, der zugleich König von Ungarn ist, in Wien den Oppositionsführer Gyula Graf Andrássy d. J. zu Verhandlungen über die Regierungsbildung. Die Gespräche blieben ergebnislos, da Franz Joseph I. weder die deutsche Kommandosprache in der Armee aufgeben, noch eine Garantie für größeren Minderheitenschutz geben will. Am 19. Februar löst der Kaiser daraufhin das Parlament auf, weil die kossuthistische Opposition die Übernahme der Regierung ohne Beeinträchtigung der im Gesetz verankerten königlichen Rechte hartnäckig verweigere und daher vom Reichstag keine nützliche Tätigkeit zu erwarten sei. Da das Abgeordnetenhaus die Verlesung des Auflösungsschreibens ablehnt, wird es durch Polizei und Militär aufgelöst.
Bei den ungarischen Parlamentswahlen von 1905 erhielten die Kossuthisten die Mehrheit und fordern seither die Übernahme der Regierungsgewalt. Seit Juni 1905 amtierte der von Kaiser Franz Joseph I. eingesetzte Geisa Freiherr von Fejérváry als Ministerpräsident. Die Ministerpräsidenten Ungarns werden stets vom Kaiser berufen.
k.u.k.-Monarchie
1867 schuf der österreichisch-ungarische Ausgleich die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn als Personal- und Realunion des Kaiserreichs Österreich (Zisleithanien) und des Königreichs Ungarn (Transleithanien). Die Reichshälften sind formal gleichberechtigt und selbstständig, verbunden durch die gemeinsame Dynastie. An der Spitze der Doppelmonarchie steht von 1867 bis 1916 der Habsburger Kaiser Franz Joseph I.
Vesuv meldet sich zurück
Neapel, Samstag, 7. April 1906
Der berüchtigte Vulkan, »das Ungeheuer am Golf von Neapel«, bricht in unregelmäßigen Abständen aus und versetzt die Menschen in Panik.
Während der Nachtstunden beginnt eine der gewaltigsten Eruptionen des Vesuv, nach Auffassung von Experten der größte Ausbruch seit dem Untergang von Pompeji im Jahr 79.
Feuersäulen von bis zu 150 m Höhe steigen aus dem Hauptkrater empor, weißglühende Gesteinsmassen werden mehr als 500 m in die Luft geschleudert, ein 200 m breiter und 7 m mächtiger Lavastrom wälzt sich auf die Ortschaften Boscotrecase, Torre Annunziata und auf die alte Stadt Pompeji zu.
Am 9. April lassen die Eruptionen vorübergehend nach, um am folgenden Tag mit unerhörter Gewalt erneut auszubrechen.
Mehr als 100 Menschen kommen bei dem Vulkanausbruch ums Leben. Die Aschewolken sind auch in weiterer Entfernung so dicht, dass ein von Capri kommender Dampfer 2 km vor Neapel umkehren muss, weil die niederfallende Asche die Passagiere zu ersticken droht. Erst am 11. April kommt der Vulkan zur Ruhe. Der letzte große Ausbruch des Vesuvs fand im Jahr 1872 statt.
Jahrhundert-Beben verwüstet San Francisco
San Francisco, Mittwoch, 18. April 1906
Ein furchtbares Erdbeben trifft die blühende Metropole am Golden Gate. Schuld daran ist ihre geographische Lage am St. Andreas-Graben. Völlig verwüstet wird San Francisco dann durch die anschließende Feuersbrunst. Es fehlt an Löschwasser, da das Wasserleitungsnetz im Beben zerstört wurde.Um fünf Uhr, zwölf Minuten und sechs Sekunden lässt ein Erdstoß die Stadt erzittern. Er dauert 40 Sekunden und hat die Stärke 8,3 auf der nach oben offenen Richterskala. Ein zweiter Stoß dauert 25 Sekunden.
Ein Zeuge berichtet: »Erst dachte ich, es sei eine gewöhnliche Erschütterung,...darauf kam das furchtbare Heben, Senken und Heben. Die Stadt wurde wie eine Feder im Sturm umhergeschleudert.«
Die alten Holzhäuser der Außenbezirke und die neuen Hochhäuser mit ihren flexiblen Stahlgerippen im Zentrum überstehen die Erdstösse relativ gut. Verheerend sind jedoch die Zerstörungen an den Backsteinbauten, die wie Sandburgen in sich zusammenfallen. Hier sterben die meisten der 498 Todesopfer.
Kurz nach dem Beben steigen an verschiedenen Stellen der Stadt dünne Rauchsäulen empor. Kurzschlüsse und geborstene Gasleitungen haben harmlos scheinende Brände verursacht. Als die Feuerwehr die Ventile an den Hydranten öffnet, bleiben die Schläuche trocken. Die Errichtung von Notpumpstationen war von den Stadtvätern abgelehnt worden. Die Brände entwickeln sich zu einem Feuersturm, der die Stadt fast völlig zerstört.
Zwischenspiele erfolgreich
Athen, Sonntag, 22. April 1906
Zur Auffrischung der Olympischen Idee kehrt das Olympische Feuer an seine Geburtsstätte zurück.Im Panathenäischen Stadion werden die Olympischen Zwischenspiele eröffnet. Nach der krassen Missachtung der olympischen Ideale in Paris (1900) und St. Louis (1904) hatte Pierre de Coubertin, Präsident des Olympischen Komitees, diesem Novum zugestimmt.
Tatsächlich sind die Athener Spiele ein sportlicher Höhepunkt. Erfolgreichste Mannschaft ist Frankreich mit 15 Goldmedaillen.
Großmächte rüsten um die Wette
Berlin, Samstag, 19. Mai 1906
Nachdem Großbritannien mit dem Stapellauf des Großkampfschiffes »Dreadnought« einen neuen Rüstungswettlauf eingeleitet hatte, reagiert das Reich mit einer weiteren Flottennovelle. Ein Ende ist nicht abzusehen.Der Deutsche Reichstag verabschiedet ohne Debatte eine Flottennovelle. Der einzige Paragraph dieses Gesetzes sieht den Bau von vier Großkampfschiffen jährlich sowie die Erhöhung der Zahl der Torpedoboote von 96 auf 113 vor.
Am 10. Februar lief im britischen Kriegshafen Portsmouth mit der »Dreadnought« das größte Panzerschiff der Welt vom Stapel. Das erste Schiff einer neuen Generation von zunächst zehn Großkampfschiffen hat eine Größe von 22 500 t, ist mit zehn 30,5-cm-Geschützen bestückt und erreicht eine Geschwindigkeit von 21 Knoten (38,9 km/h). Es wird zum Inbegriff aller Großkampfschiffe, die sämtlich bis zum Ersten Weltkrieg – auch im Deutschen Reich – als »Dreadnoughts« bezeichnet werden.
Die deutsche Flottenpolitik richtete sich direkt gegen die Seeherrschaft Großbritanniens. In einer Denkschrift hob Alfred von Tirpitz, Staatssekretär im Reichsmarineamt im Jahr 1900 hervor, dass es nur ein Mittel gebe, um die deutschen Kolonien und den deutschen Seehandel zu schützen: Die deutsche Flotte müsse so stark sein, dass ein Konflikt auch für den mächtigsten Gegner gefährlich würde. Ziel von Tirpitz ist es, dass die deutsche Flotte für Großbritannien ein solches Risiko bedeutet, »dass es durch Krieg mit uns und seinem eigenen Sieg über uns so geschwächt würde, dass es später anderen Nationen gegenüber seine Suprematie verlieren würde.«
Bereits 1894 hatte Alfred von Tirpitz in einer Dienstschrift des Oberkommandos der Marine folgenden Leitgedanken entwickelt: »Die natürliche Bestimmung einer Flotte ist die strategische Offensive.«
Rüstungsspirale
Das zweite deutsche Flottengesetz von 1900 sah die Verdoppelung der deutschen Flottenstärke bis 1917 vor. Dies veränderte den sog. Two-Power-Standard, nach dem zwei britische Schiffe auf ein deutsches kommen, in ein 3:2-Verhältnis. Als Antwort darauf beschloss die britische Regierung den Bau von Großkampfschiffen wie der »Dreadnought« und der noch größeren und stärkeren »Bellerophon«, die am 27. Juli 1907 vom Stapel läuft. Die Reichsmarine verfügt bis dahin noch über kein vergleichbares Großkampfschiff.
Skandal um Fleischfabriken
Washington, Samstag, 26. Mai 1906
Das naturalistische Erzählwerk »Der Dschungel« von Upton Sinclair prangert die katastrophalen Missstände in der Chicagoer Fleischindustrie an. Es ist gleichzeitig ein Dokument des US-amerikanischen Hochkapitalismus.Der US-Senat genehmigt ein Landwirtschaftsgesetz, mit dem u.a. eine strengere Fleischbeschau eingeführt wird. Damit reagiert die Regierung auf den öffentlichen Druck nach dem Erscheinen des Romans »Der Dschungel« von Upton Sinclair.
Der Roman schildert das Sklavendasein der Fabrikarbeiter und die skandalösen Zustände in den größten fleischverarbeitenden Produktionsstätten der Welt. Ekelerregende Einzelheiten empören die Öffentlichkeit: U.a. wird auch krankes Vieh zur Schlachtung freigegeben und Arbeiter, die in Mischbottiche fallen, werden zu Fleisch weiterverarbeitet. Die Unternehmer machen sich die städtischen Gesundheitsbehörden ebenso wie die Lebensmittelüberwachung durch Schmiergelder gefügig. Die Recherchen hat Sinclair im Auftrag der sozialistischen Zeitschrift »Appeal to Reason« (Appell an die Vernunft) übernommen.
Ein Kongressbericht über die Zustände in den Schlachthöfen von Chicago bestätigt die Beobachtungen Sinclairs. Darin heißt es u.a., die feuchte Atmosphäre in den Viehhöfen sei »mit dem furchtbaren Gestank von dem auf den blutgetränkten, faulenden Holzdielen angehäuften Schmutz angefüllt«, das faulende Fleisch sei voller Krankheitserreger für Menschen und Tiere. Unter den Bediensteten herrsche in hohem Maße Lungenschwindsucht. Die Kranken spuckten ihren Auswurf auf die Böden, auf denen das Fleisch zur Verarbeitung liege.
Nach dem Bekanntwerden dieser Zustände sinkt der Fleischkonsum in den Vereinigten Staaten rapide, aber auch in Europa klagen Unternehmer über Umsatzrückgänge. Noch im Juni reagiert das Parlament mit zwei Gesetzen. Durch ein neues Fleischbeschaugesetz werden tierärztliche und hygienische Bestimmungen für die Fleischindustrie erlassen. Außerdem sollen die Bundesbehörden die Fleischfabriken strenger kontrollieren, sobald diese Fleisch im ganzen Bundesgebiet absetzen.
Upton Sinclair
Der US-amerikanische Schriftsteller und Sozialreformer (* 20.9.1878) ist einer der berühmtesten Chronisten seiner Zeit und der erfolgreichste Vertreter der sog. Muckrakers (Mistharker). Den Begriff prägte US-Präsident Theodore Roosevelt am 17. März, als er den Ausdruck für Journalisten und Schriftsteller gebrauchte, die nur nach Skandalen schnüffelten.
Zu den Muckrakers, die durch schonungslose Darstellung von gesellschaftlichen Missständen auch Gesetzesänderungen erzwingen, zählen u.a. David Graham Phillips und Ida M. Tarbell. Neben »Der Dschungel« veröffentlicht Sinclair, der 1968 stirbt, u.a. den Roman »König Kohle« (1917).
US-Truppen besetzen Kuba
Havanna, Freitag, 14. September 1906
Die USA üben faktisch ein Protektorat über die bis 1898 spanische Kolonie aus. US-Kapital beherrscht den kubanischen Zuckerrohranbau.US-Marineinfanteristen landen auf Kuba, um einen regierungsfeindlichen Aufstand niederzuschlagen. Parteienkämpfe zwischen Liberalen und den Konservativen unter Präsident Tomás Estrada Palma hatten im August zum Bürgerkrieg geführt.
Führer des Aufstands ist General José Miguel Gómez. Die Aufständischen, unter ihnen viele Bauern und Landarbeiter, fordern demokratische Rechte und nationale Unabhängigkeit von den USA. Nach der Invasion versprechen sie Unterwerfung gegen Gewährung rechtmäßiger Gerichtsverfahren für inhaftierte Oppositionelle. Kuba wird der direkten Verwaltung durch die USA unterstellt. Auf Druck Washingtons tritt Präsident Palma am 28. September zurück. US-Kriegsminister William Howard Taft übernimmt als Gouverneur die Regierung. Er erlässt am 30. September eine Amnestie für politische Häftlinge. Bis 1909 bleibt Kuba unter US-Verwaltung.
Kaiser löst unbotmäßiges Parlament auf
Montag, 31. Dezember 1906
Das Demokratieverständnis unter Kaiser Wilhelm II. ist klar umrissen: Fügen sich die Abgeordneten nicht dem Willen der Obrigkeit, so werden sie »nach Hause geschickt«.Reichstagsauflösung: Der Anlass für die Parlamentsschließung am 13. Dezember und Neuwahlen im Januar 1907 ist, dass Zentrum und SPD die von der Regierung geforderten Mittel für die Fortsetzung des Hottentottenkrieges in Deutsch-Südwestafrika nicht in voller Höhe bewilligen wollen. Das Zentrum hatte zudem »wegen der verbesserten Kriegslage« eine Reduzierung der Kolonialtruppen verlangt. Die Regierung bezeichnete dies als Eingriff in die kaiserliche Kommandogewalt.
SPD zu Massenstreik: Auf ihrem Parteitag in Mannheim, der am 23. September beginnt, macht die SPD unter ihrem Vorsitzenden August Bebel einen Massenstreik von der Zustimmung der Gewerkschaften abhängig. Dies kommt einer Absage an den politischen Massenstreik als Kampfmittel gleich. Nicht durchsetzen kann sich die radikale Sozialistin Rosa Luxemburg, die einen politischen Massenstreik befürwortet. Am 21. Januar hatten Sozialdemokraten in Berlin und 30 weiteren Städten gegen das Dreiklassenwahlrecht demonstriert.
Eulenburg-Affäre: Am 27. Oktober veröffentlicht der monarchistisch-konservativ gesinnte Publizist Maximilian Harden den ersten von mehreren Artikeln, in denen er Mitglieder des preußischen Uradels der Homosexualität bezichtigt. Dazu zählen u.a. Philipp Fürst zu Eulenburg und Hertefeld, ein enger Vertrauter von Kaiser Wilhelm II., und der Berliner Stadtkommandant Kuno Graf von Moltke. Harden, der sich als Verfechter altpreußischer Gesinnung im Geiste Otto von Bismarcks versteht, provoziert mehrere Sensationsprozesse, die sich bis 1908 hinziehen. Sie fügen dem Ansehen der preußischen Monarchie schweren Schaden zu.
Jahrhundertausstellung: Auf der Deutschen Jahrhundertausstellung in der Berliner Nationalgalerie werden Werke deutscher Maler von 1775 bis 1875 gezeigt. Durch die Ausstellung, die am 24. Januar eröffnet wird, werden Werke und Maler entdeckt, die künftig zum allgemeinen deutschen Kulturgut gerechnet werden. Dazu zählt vor allem der Romantiker Caspar David Friedrich.
U-Boot: In Kiel wird am 14. Dezember das erste deutsche Unterseeboot »U-1« in Dienst gestellt.
Der Bluff von Köpenick
Die ganze Welt lacht über den arbeitslosen Schuster, der als »Hauptmann von Köpenick« den wilhelminischen Kadavergehorsam offenlegt.
Wilhelm Voigt, ein kürzlich entlassener Zuchthäusler, verhaftet am 16. Oktober in einer bei einem Trödler erworbenen Hauptmannsuniform den Bürgermeister von Köpenick und zieht die Stadtkasse ein. Dazu hält er zehn zufällig vorbeikommende Gardesoldaten an und übernimmt mit herrischem Auftreten »im Namen seiner Majestät des Kaisers« das Kommando.
Der falsche Hauptmann handelt aus Verzweiflung. Er will mit dem Geld ein Land verlassen, dessen Behörden einem ehemaligen Straffälligen den Aufbau einer Existenz verweigern. Am 26. Oktober wird Schuster verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Der düpierte Bürgermeister Langerhans gibt später zu Protokoll, er habe als Leutnant der Reserve nicht gewagt, dem vermeintlichen Hauptmann zu widersprechen.