»Selbsttätige Erziehung«
Rom, Sonntag, 6. Januar 1907
Ein neuer pädagogischer Ansatz in der Erziehung ruft weltweit Interesse hervor und findet Anhänger.
Die italienische Ärztin und Pädagogin
Maria Montessori
eröffnet in der Arbeitersiedlung San Lorenzo ihr erstes »Kinderhaus«. In dieser »Casa dei bambini« erprobt sie ihr Prinzip der »selbsttätigen Erziehung« an nicht schulpflichtigen Kindern.
Montessori, die als erste Frau Italiens zum Medizinstudium zugelassen wurde, will mit ihrer Erziehungsmethode den natürlichen Ansprüchen des Kindes gerecht werden. Die Erwachsenen sollen zwar »dem Kind helfen«, aber nur so weit, »dass es seine eigene Arbeit in der Welt ausführen kann«. In einer didaktisch vorbereiteten Umgebung soll die Aufmerksamkeit des Kindes und damit seine Selbsttätigkeit geweckt werden. Montessori setzt dazu u.a. pädagogisches Spielzeug, Spiele und Übungen ein.
Erstes Pfadfinder-Camp
Brownsea Island, Montag, 29. Juli 1907
Der britische General
Robert Stephenson Smyth Baden-Powell begründet die Pfadfinderbewegung.
Baden-Powell veranstaltet das erste Pfadfinderlager. Vom britischen Seebad Poole rudert er mit 22 Jungen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten zur Insel Brownsea Island, wo die Zelte aufgeschlagen werden.
Baden-Powell, der 1900 im südafrikanischen Burenkrieg bei der Verteidigung von Mafeking Jungen für leichte militärische Aufgaben rekrutierte, wurde ein Jugendidol.
Vertrag festigt Bündnissysteme
Petersburg, Samstag, 31. August 1907
Die Bündnissysteme, wie sie bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs bestehen, werden festgeschrieben.
Großbritannien und Russland verständigen sich im Petersburger Vertrag über eine Gebietsabgrenzung in Persien, Afghanistan und Tibet. Durch diesen Vertrag wird die britisch-französische Entente cordiale zur Tripelallianz zwischen Großbritannien, Frankreich und Russland erweitert. Den alliierten Mächten stehen auf der anderen Seite die Dreibundpartner Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Italien gegenüber – eine Konstellation, die sich bis 1914 nicht mehr verändert.
Im Petersburger Vertrag regeln Großbritannien und Russland ihre Gebietsinteressen in Asien. So wird Persien in eine nördliche russische, eine südöstliche britische und eine mittlere neutrale Interessensphäre eingeteilt. Afghanistan wird ganz dem britischen Einfluss überlassen. Zar Nikolaus II. verpflichtet sich, Verhandlungen mit Afghanistan nur unter britischer Vermittlung zu führen. Dafür verspricht London, Afghanistan nicht zu antirussischen Schritten zu ermutigen und nicht in die inneren Verhältnisse des Landes einzugreifen.
In Bezug auf Tibet, den dritten Konfliktherd in Asien, einigen sich London und Petersburg auf Zurückhaltung: Keine Partei darf mit dem Dalai Lama direkte Beziehungen unterhalten. Tibet soll der Oberhoheit Chinas überlassen bleiben, nicht einmal wissenschaftliche Expeditionen von Europäern sollen während der nächsten drei Jahre zugelassen werden.
Der Petersburger Vertrag, in dem die Handschrift König Edward VII. erkennbar ist, wird als Erfolg der britischen Außenpolitik gewertet. Die Bestimmungen über Afghanistan verstärken die Nordwestflanke Britisch-Indiens. Allerdings lösen die Abtretung Nordpersiens an Russland und der Verzicht auf die Tibet-Pläne auch große Unzufriedenheit in Großbritannien aus. Im Deutschen Reich verstärkt der Vertrag die Furcht vor »Einkreisung«.
Tripelentente
Die Tripelentente bezeichnet das Bündnisverhältnis zwischen Großbritannien, Russland und Frankreich. Der Petersburger Vertrag ergänzt die britisch-französische Entente cordiale von 1904 und den französisch-russischen Zweierverband von 1892. Um den deutschen Bedenken gegen die Allianz vorzubeugen, finden Treffen zwischen dem britischen und dem deutschen Monarchen sowie zwischen dem russischen Zaren und dem deutschen Kaiser statt. Kaiser Wilhelm II. wertet die Besuche als Ausdruck guter Beziehungen zwischen den Völkern und den Herrscherhäusern.
Aufstand erschüttert das Reich der Mitte
China, Samstag, 14. September 1907
Die Vorboten einer Revolution erschüttern China. An der Spitze der Unruhen steht mit Sun Yat-sen ein Mann, der die Geschicke des Landes in Zukunft wesentlich mitbestimmt.
Der gegen die Mandschus gerichtete Aufstand, der im August in Südchina ausgebrochen ist, breitet sich weiter in den Süd- und den mittleren Provinzen aus. In der Provinz Kwangtung kommt es zu Gefechten zwischen Aufständischen und Regierungstruppen.
Der Aufstand wird von einer Geheimgesellschaft organisiert, die sich Kuomintang (Nationale Volkspartei) bzw. T'ung-meng-hui (Verschworene Liga) nennt und von dem Arzt Sun Yat-sen geführt wird.
Sun Yat-sen
Der Sohn eines christlichen Pächters (* 1866) besuchte US-amerikanische und britische Schulen und Universitäten in Honolulu sowie Hongkong und wurde Wundarzt. 1894 gründete er in Honolulu die republikanische »Vereinigung zur Erneuerung Chinas«. Nach einem gescheiterten Putschversuch ging er 1895 ins Exil. 1905 schlossen sich unter seiner Führung in Tokio verschiedene Oppositionsgruppen zum »Chinesischen Revolutionsbund« zusammen. Programm wurden die »Drei Volksprinzipien« Nationalismus, Volksherrschaft und Volkswohlstand, die auch die Aufständischen 1907 auf ihre Fahnen schreiben.
Zersplitterung der Formen
Paris, Dienstag, 1. Oktober 1907
Mit »Les Demoiselles d'Avignon« begründet der Spanier Pablo Picasso fast zeitgleich mit dem Franzosen Georges Braque den Kubismus.
Wegbereiter des
Kubismus
ist der französische Maler Paul Cézanne (1839-1906). Nach Cézanne, dessen Bilder in einer Gedächtnisausstellung präsentiert werden, »formt sich alles in der Natur nach Kugel, Kegel und Zylinder«, eben nach »Kuben«. Cézannes Ziel war es, die in der Natur entdeckte Ordnung in geometrische Formen zu verwandeln, so dass eine Analyse des Gegenstands die Form freisetzt. In dieser Sehweise liegt der Kern des Kubismus.
In der Auseinandersetzung mit den Werken Cézannes reift auch bei Pablo Picasso und Georges Braque eine neue Bildsprache. In der ersten Phase des Kubismus werden die Formen aufs äußerste vereinfacht. Der Gegenstand wird zerteilt, jedes Detail für sich untersucht und einer Form zugeordnet, die Grundformen facettiert und aufgeklappt. Ein ganzheitliches Bild in der Ebene entsteht.
Pablo Picasso
Der spanische Maler, Grafiker und Bildhauer (*25.10.1881) gilt als der berühmteste Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine avantgardistischen, die künstlerischen Regeln revolutionierenden Werke weisen vielen Kunstschaffenden neue Wege. Während des Spanischen Bürgerkriegs nimmt der Künstler, der eigentlich Pablo Ruiz y Picasso heißt, Partei für die Republik, nach der Zerstörung der Stadt Guernica malt er sein erstes politisches Bild – »Guernica«. Picasso, der 1973 stirbt, versteht Kunst als Aufruhr, als Ausdrucksmittel der Anklage gegen die bestehende Gesellschaftsstruktur.
Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika
Dienstag, 31. Dezember 1907
Im Deutschen Reich gehen die nichtdemokratischen Kräfte aus den Reichstagswahlen, den sog. Hottentottenwahlen, gestärkt hervor. Benannt sind die Wahlen nach dem blutigsten Krieg der deutschen Kolonialgeschichte, dem Hottentottenkrieg in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, für dessen Fortführung die Gelder verweigert wurden.
Hottentottenkrieg: Gemäß einer Order von Kaiser Wilhelm II. wird der Kriegszustand in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (Namibia) am 31. März aufgehoben. Auch nach dem offiziellen Ende des Kriegs kommt es aber weiterhin zu Gefechten, einige Häuptlinge stehen noch im Feld. Zu den bekanntesten zählt Klein-Hendrik Witbooi, der Sohn des 1905 im Gefecht bei Fahlgras gefallenen Hottentottenführers Hendrik Witbooi. Klein-Hendrik unterwirft sich Anfang August den Kolonialbehörden. Häuptling Jakob Morenga fällt von der britischen Kapprovinz aus in Deutsch-Südwestafrika ein. Bei Kämpfen kommt er in der Wüste um.
Wanderarbeiter: Über alle Parteigrenzen hinweg beschließt das preußische Abgeordnetenhaus am 11. Februar die Verabschiedung eines Gesetzes über Wanderarbeitsstätten. Dort sollen mittellose Männer außerhalb ihres Wohnorts Arbeit, Verköstigung und Obdach erhalten. Jährlich suchen über 200 000 Saisonarbeiter aus dem Osten Arbeit in der deutschen Landwirtschaft.
Optantenvertrag: Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff, und sein dänischer Amtskollege Johan Henrik von Hegermann-Lindencrone unterzeichnen am 11. Januar den sog. Optantenvertrag. Er beseitigt die seit dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 bestehenden Spannungen im nordschleswigschen Grenzgebiet. Einer kleinen Gruppe von Dänen in Nordschleswig wird mit dem Abkommen die Option eingeräumt, zwischen der deutschen und der dänischen Staatsbürgerschaft zu wählen.
Eulenburg-Affäre: Vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II in Berlin beginnt am 6. November der Beleidigungsprozess des Reichskanzlers Bernhard Fürst von Bülow gegen den Schriftsteller Adolf Brand. Brand, der Bülow Vergehen gegen den Homosexuellen-Paragraphen 175 vorgeworfen hatte, wird zu eineinhalb Jahren Gefängnis und zu öffentlicher Widerrufung verurteilt. Der Prozess ist einer der Auswüchse im Rahmen der sog. Eulenburg-Affäre von 1906, die eine Prozesslawine ausgelöst hat. Die Eulenburg-Affäre hat politische Hintergründe, kommt jedoch in einer gesellschaftlichen Atmosphäre ins Rollen, in der ein allgemeiner »Verfall der Sitten« beklagt wird und Urteile gegen »Unsittliche« gefällt werden.
Tierpark Hagenbeck: Der Tierhändler Carl Hagenbeck eröffnet am 7. Mai in einem Hamburger Vorort einen Tierpark, der sich von herkömmlichen Zoos grundlegend unterscheidet und bald Nachahmer in aller Welt findet. In Hagenbecks Zoo leben die Tiere in einer artgerechten Umgebung in Freigehegen, die der Natur nachempfunden sind.
Hottentottenwahl
Aus den Wahlen zum zwölften Deutschen Reichstag in Berlin am 25. Januar, den sog. Hottentottenwahlen, gehen Konservative, Nationalliberale und Freisinnige als Sieger hervor. Das Zentrum baut seine Position aus, die SPD muss erhebliche Verluste hinnehmen. Nach den Stichwahlen steht fest, dass das Zentrum mit 105 Mandaten (1903: 100) stärkste Fraktion bleibt, gefolgt von den Deutschkonservativen mit 60 (54) und den Nationalliberalen mit 54 (51) Mandaten. Die Sozialdemokraten stellen nur noch 43 Abgeordnete (81).
Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow wertet den Wahlausgang als Ausdruck nationaler Gesinnung. 1906 hatte die Reichsregierung den Reichstag aufgelöst, nachdem ein Nachtragshaushalt zur Fortsetzung des Kolonialkriegs gegen die Hottentotten nicht bewilligt wurde.
Die Niederlage der SPD ist u.a. auf das Mehrheitswahlrecht zurückzuführen, nach dem die 397 Reichstagsabgeordneten ermittelt werden. So geben zwar 28,9% der Wähler der SPD ihre Stimme, doch nur 43 Kandidaten ziehen in den Reichstag ein. Umgekehrt erhalten die Deutschkonservativen nur 9,4% aller Stimmen, stellen jedoch 60 Abgeordnete.
Reicht die Mehrheit im ersten Wahlgang nicht aus, findet eine Stichwahl zwischen den beiden erfolgreichsten Kandidaten statt. Während Stichwahlen anfangs nur in etwa 10% der Wahlkreise notwendig waren, finden sie inzwischen in fast 50% der Wahlkreise statt. Hauptgrund ist der hohe Anteil an SPD-Stimmen, die vielfach eine absolute Mehrheit im ersten Wahlgang verhindern.