Was war im Jahr Anno 1926
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Weltraumraketen im Test
Auburn, Dienstag, 16. März 1926
Wissenschaftler unternehmen erste Versuche zur Eroberung des Weltalls. Im Mittelpunkt der Raketentechnik stehen Forschungen über die wirksamste Antriebsart. Auch militärische Interessen sind im Spiel.In der Nähe von Boston (US-Bundesstaat Massachusetts) startet der US-Physiker
Robert Hutchinson Goddard
die erste, mit flüssigem Treibstoff angetriebene Rakete. Das Geschoss legt in 2,5 sec Flugzeit eine Strecke von 56 m bei 12,5 m maximaler Flughöhe zurück..
Nachdem erste Starts mit Feststoffraketen, die mit Schießpulver angetrieben wurden, an mangelnder Schubkraft scheiterten, experimentierte Goddard mit leicht brennbaren Flüssigkeiten. Schließlich entschied er sich für Benzin als Raketentreibmittel und Sauerstoff als Brennmittel.
Schon 1924 veröffentlichte der sowjetische Mathematiker Konstantin E. Ziolkowski in seiner Studie »Die Rakete in den kosmischen Raum« Pläne für eine mit Flüssigkeit (flüssiger Wasserstoff und flüssiger Sauerstoff) angetriebene Weltraumrakete. Als Form schlug er den später üblichen zigarrenförmigen Zylinder vor. Auch dachte er schon an die Bündelung mehrerer Antriebe.
Der Start der Goddardschen Flüssigkeitsrakete zeigt, dass die Erforschung des Weltraums und unserer Nachbarplaneten schon fast in greifbare Nähe gerückt ist. Die kühnsten Wissenschaftler denken bereits über eine bemannte Raumfahrt nach.
Unabhängigkeitsheld putscht in Polen
Warschau, Mittwoch, 12. Mai 1926
Eine anhaltende politische Krise führt zum Sturz der polnischen Regierung.
Der Unabhängigkeitsheld
Marschall Józef Klemens Pilsudski
übernimmt nach einem Staatsstreich die Macht in Polen. Mit Unterstützung der Armee baut er seine Herrschaft in der folgenden Zeit zu einem autoritären Regime aus.
Mit 15 ihm ergebenen Regimentern marschiert Pilsudski auf Warschau, das er nach schweren Kämpfen am 14. Mai einnimmt. Ein Generalstreik hatte zuvor den Transport von Verstärkung für die regierungstreuen Truppen verhindert. Pilsudski zwingt die Mitte-Rechts-Regierung unter Bauernführer Wincenty Witos zum Rücktritt und lässt ein »Kabinett der Fachleute« bilden, dem er selbst als Kriegsminister angehört.
Seine Wahl zum Staatspräsidenten am 31. Mai nimmt Pilsudski nicht an, da sie nicht einstimmig erfolgt und die Verfassung die Kompetenzen des Amtes einschränkt. Als starker Mann im Hintergrund stützt er sich auf die Armee, nachdem ihm die Linken die Unterstützung entziehen.
Auslöser für den Staatsstreich war die andauernde Wirtschaftskrise des Landes. Die Zahl der Arbeitslosen ist auf 400 000 gestiegen, fast täglich werden aus polnischen Städten Demonstrationen gemeldet. Hauptursache für die ökonomischen Probleme ist der Zollkrieg, den das Deutsche Reich seit Sommer 1925 gegen Polen führt.
Marschall Pilsudski
Pilsudski (*5.12.1867, Zulowo bei Wilna), Mitbegründer der Sozialistischen Partei und erster Staatschef (1918-22) der Polnischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg, war ein Vorkämpfer der staatlichen Unabhängigkeit seines Landes. Im Krieg gegen Sowjetrussland vollbrachte der Militär und Nationalheld im Jahr 1920 durch strategisches Geschick das »Wunder an der Weichsel«.
Herzensbrecher Valentino gestorben
New York, Montag, 23. August 1926
Hollywood verliert seinen vergötterten Superstar. Unter den zumeist weiblichen Verehrern kommt es zu einer Massenhysterie.
Im Alter von nur 31 Jahren stirbt in einem Krankenhaus Rudolph Valentino an einer Lungenentzündung. Die letzten Tage des Stars der Stummfilmzeit beschäftigen die US-amerikanische Öffentlichkeit mehr als irgendein anderes, etwa politisches Thema.
Rudolph Valentino hat in seinen Filmen als südländischer Liebhaber die Herzen unzähliger Frauen erobert. Bei der Beerdigung kommt es zu Ausschreitungen mit Verletzten. Zahlreiche Verehrerinnen folgen ihrem Idol in den Tod.
Der Mime, der eigentlich Rodolfo Guglielmi di Valentino hieß, kam mit 17 Jahren aus Italien in die USA. Er arbeitete als Gärtner und Tanzkomparse, ehe er mit »Der Scheich« (1921) seinen Durchbruch feierte. Zu seinen großen Erfolgen zählte außerdem »Der Adler« (1926).
Dempseys Zeit abgelaufen
Philadelphia, Donnerstag, 23. September 1926
Die Anziehungskraft, die der Boxsport auf das Publikum ausübt, erreicht einen eindrucksvollen Höhepunkt. Zum Kampf um die Boxweltmeisterschaft im Schwergewicht kommen 120 757 Sportbegeisterte.
Herausforderer Gene Tunney (USA) besiegt den seit 1919 amtierenden Champion Jack Dempsey sensationell nach Punkten. Dempsey, der zuvor als Favorit gehandelt wurde, kann keine einzige der zehn Runden für sich entscheiden.
Ausschlaggebend für das Ergebnis des Kampfes war es, dass Dempsey nach fünf erfolgreichen Titelverteidigungen seit drei Jahren nicht mehr im Ring stand.
Er hatte sich statt dessen zu ausgiebig dem süßen Leben eines Boxweltmeisters hingegeben. Dempsey machte in dieser Zeit ausschließlich als Filmschauspieler und Weltreisender von sich reden.
Anders sein Gegner Gene Tunney, der perfekt vorbereitet den Boxring betrat. Bis zu seinem Titelkampf hatte der »Fighting Marine« (Der kämpfende Marineinfantrist) von 73 Kämpfen nur einen verloren. Tunney wird der zehnte Boxweltmeister seit der ersten offiziellen Ausrichtung eines Weltmeisterschaftskampfes im Jahr 1882. Trotz der Erfolge erreicht der in der Ausstrahlung blasse Tunney nie den Ruhm seines Vorgängers.
Den Rückkampf gewinnt am 22. September 1927 Gene Tunney ebenfalls nach Punkten. Am Ring sitzen diesmal 150 000 Zuschauer.
Neuer Gottkaiser regiert Japan
Tokio, Samstag, 25. Dezember 1926
Der 124. Tenno (»Himmlischer Kaiser«) Hirohito
genießt, wie alle seine Vorgänger in Japan göttliche Verehrung, weil er als direkter Nachfahre der Sonnengöttin gilt.
Kaiser und absoluter Herrscher von Japan wird nach dem Tod seines Vaters Joshihito der bisherige Kronprinz Hirohito. Seit 1921 hatte Hirohito für seinen erkrankten Vater bereits die Regentschaft geführt. Schon im Jahr 1916 wurde er Kronprinz.
Der Kaiser ist Oberbefehlshaber des Heeres. Gesetze werden durch seine Unterzeichnung rechtskräftig, Minister sind ihm persönlich verantwortlich. Als oberster Shinto-Priester ist er auch religiöses Oberhaupt der Japaner.
Der 1901 geborene Hirohito erlebte den Aufstieg seines Landes zur politischen und wirtschaftlichen Vormacht im Fernen Osten. Japan hatte durch die Eroberung Koreas (1910) seinen Machtbereich beträchtlich ausgeweitet. Die Teilnahme am Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten brachte den Japanern die deutschen Besitzungen im Südpazifik ein. Außerdem verfolgte Japan eine Expansionspolitik in China. Im Weltkrieg erlebte die japanische Wirtschaft einen imposanten Aufschwung. Zum Zeitpunkt der Thronbesteigung Hirohitos ist der Inselstaat in Ostasien bereits den bedeutenden Industrienationen der Welt zuzurechnen.
Als Kaiser setzt Hirohito die aggressive Großmachtpolitik in Asien fort. Im Zweiten Weltkrieg erfolgt nach dem Abwurf der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki der Zusammenbruch. Unter dem Zwang der US-amerikanischen Besatzungsmacht, die gesellschaftliche Reformen nach westlichem Muster durchsetzt, verneint Kaiser Hirohito 1946 in einer Rundfunkansprache die bisherige Auffassung von der Göttlichkeit des Tenno. Dabei hören seine Untertanen erstmals die Stimme des Kaisers.
Nach dem Verzicht auf den Göttlichkeitsanspruch wird Hirohito der erste »bürgerliche« Kaiser Japans. Die Verfassung von 1946 beschränkt seine Funktion auf repräsentative Aufgaben. Der Tenno soll den Fortbestand der Nation symbolisieren.
Deutschland im Völkerbund
Freitag, 31. Dezember 1926
Mit der Aufnahme in den Völkerbund erreicht das Deutsche Reich sein Ziel, als gleichberechtigter Partner in dem internationalen Staatenbund akzeptiert zu werden.
Völkerbund: In einer feierlichen Sitzung wird das Deutsche Reich am 10. September in den Völkerbund aufgenommen. Deutschland erhält einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat. Ovationen folgen der Antrittsrede des deutschen Außenministers Gustav Stresemann, in der er sich zu einer Politik des gegenseitigen Verstehens und gegenseitiger Achtung bekennt.
Torpedoboot: Im März läuft das erste neue Torpedoboot, das die Reichsmarine nach dem Weltkrieg gebaut hat, in Wilhelmshaven vom Stapel. Nikolaus Graf Dohna-Schlodien tauft das Schiff auf den Namen »Möwe«. Graf Dohna-Schlodien war im Weltkrieg Kommandant des Hilfskreuzers »Möwe«, der für seine kühnen Kreuzfahrten bekannt war. Torpedoboote sind kleine Kriegsschiffe, die eine hohe Geschwindigkeit erreichen und Unterwassergeschosse abfeuern. Der Versailler Vertrag schränkt den Schiffspark der Marine auf zwölf Torpedoboote, zwölf Zerstörer, sechs Linienschiffe und sechs kleine Kreuzer ein.
Lufthansa: Am 6. Januar entsteht die Deutsche Lufthansa AG durch den Zusammenschluss der Holdinggesellschaft Junkers Luftverkehr und der Aero Lloyd AG. Die Lufthansa fliegt u.a. mit der Junkers F 13, einem Ganzmetall-Kabinen-Tiefdecker mit einem 310-PS-Motor, der eine Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h garantiert.
Daimler-Benz AG: Die beiden ältesten Kraftwagenwerke der Welt, die Daimler-Motorengesellschaft Stuttgart-Berlin und die Firma Benz & Cie., Rheinische Gasmotorenfabrik Mannheim, fusionieren am 28. Juni zur Daimler-Benz AG. Sitz ist Berlin-Charlottenburg.
§ 218: Der Reichstag verabschiedet in dritter Lesung eine Reform des Abtreibungsparagraphen 218. Die Abtreibung bleibt weiterhin strafbar, allerdings ist eine Strafmilderung vorgesehen. Die bislang angedrohte Zuchthausstrafe von fünf Jahren wird in eine Gefängnisstrafe umgewandelt.
Hitlerjugend: Der »Bund deutscher Arbeiterjugend« (später Hitlerjugend) wird am 7. Juli als Jugendorganisation der nationalsozialistischen Kampfverbände gegründet. Ende 1932 zählt die Hitlerjugend 100 000 Mitglieder. Die Zahl steigt bis 1938 auf 8,7 Mio.
Bauhaus: Im Beisein in- und ausländischer Gäste wird am 4. Dezember das Bauhaus in Dessau eingeweiht. Das nach Plänen von Walter Gropius errichtete Gebäude ist von Bauhaus-Künstlern gestaltet worden. Das Bauhaus wurde 1919 durch den Zusammenschluss der Hochschule für bildende Kunst und der Kunstgewerbeschule gegründet.
Keine Enteignung
Der Volksentscheid am 20. Juni für die entschädigungslose Enteignung der ehemals im Deutschen Reich regierenden Fürstenhäuser ist trotz der knapp 14,5 Mio. Ja-Stimmen (gegenüber nur 586 Nein-Stimmen) gescheitert, weil die erforderliche Stimmbeteiligung (knapp 20 Mio. von 39,7 Mio. Stimmberechtigten) fehlte. Voraussetzung für den Volksentscheid war ein Volksbegehren.
Nachdem die Gesetzesvorlage der SPD und KPD am 5. Mai im Reichstag keine Mehrheit gefunden hat, konnte sie nur noch über einen Volksentscheid Gesetzeskraft erlangen. SPD und KPD haben allerdings – trotz der Niederlage – einen breiten Einbruch in das Lager der bürgerlichen Mitte erreicht und konnten etwa 3 Mio. mehr Bürger für das Anliegen ihrer Parteien mobilisieren als z.B. bei der letzten Reichstagswahl am 7. Dezember 1924. Dies ist trotz einer breit angelegten Kampagne der bürgerlichen Parteien gegen den Volksentscheid gelungen.
Der Gesetzentwurf sah vor, das gesamte Vermögen der Fürstenhäuser und ihrer Familien einzuziehen. Die enteigneten Vermögenswerte sollten zu Gunsten der Arbeitslosen, der Kriegsbeschädigten, der Sozial- und Kleinrentner, der bedürftigsten Opfer der Inflation, der Kleinpächter und Kleinbauern verwendet werden. Die Schlösser sollten wohltätigen, kulturellen und pädagogischen Zwecken dienen.
Geld und Besitz der Fürstenhäuser wurden 1918 beschlagnahmt. In den folgenden Jahren blieb es den Ländern überlassen, über das Vermögen von 22 Fürstenhäusern in Höhe von 2,6 Mrd. Goldmark, zu dem Schlösser, Landbesitz (2 Mio. Morgen), Kronjuwelen und Kunstsammlungen gehören, Vergleiche – oftmals mit Hilfe von Gerichtsentscheidungen – zu erzielen.