Was war im Jahr Anno 1917
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US-Kriegseintritt macht Ende vorhersehbar
Washington, Freitag, 6. April 1917
Mit dem Entschluss, auf Seiten der Tripelentente in den Krieg einzugreifen, verschieben die USA die Kräfteverhältnisse. Materiallieferungen, Truppen, v.a. die Finanzkraft des großen Industriestaats wirken kriegsentscheidend.Die Vereinigten Staaten von Amerika erklären dem Deutschen Reich den Krieg. Tags zuvor hatten Senat und Repräsentantenhaus dem Ersuchen des US-Präsidenten Thomas Woodrow Wilson, einem Kriegseintritt der USA zuzustimmen, mit großer Mehrheit entsprochen.
Der Grund für die Entscheidung war der uneingeschränkte U-Boot-Krieg, den das Deutsche Reich am 1. Februar erklärt hatte. Ab 1. März war nach Mitteilung der deutschen Obersten Heeresleitung jedes Handelsschiff vogelfrei, das in die Kriegszone eindrang. Hintergrund der erneuten Ausweitung des U-Boot-Krieges auch auf neutrale Schiffe ist der Versuch, die Britischen Inseln von der Lebensmittel- und Rohstoffversorgung abzuschneiden. Bis zum 1. April wurden von deutschen U-Booten acht US-amerikanische Schiffe versenkt. 48 US-Amerikaner kamen dabei ums Leben.
Maßgeblich zum Kriegseintritt der USA trug auch das Bekanntwerden des Bündnisvorschlags bei, den das Deutsche Reich Mexiko in der sog. Zimmermann-Note gemacht hatte. Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Arthur Zimmermann, bot Mexiko militärische Unterstützung bei der Wiedergewinnung der an die USA verlorenen Gebiete Arizona, Texas und Neu-Mexiko an. Im Gegenzug sollte Mexiko die USA im Falle ihres Kriegseintrittes in einen Krieg an der eigenen Südgrenze verwickeln. Die Zimmermann-Note führte zu einer extremen Verschlechterung des Verhältnisses zwischen den USA und dem Deutschen Reich.
Am 6. April beginnen in den USA Werbemaßnahmen für die freiwillige Rekrutierung. Der US-Kongress stimmt am 18. Mai der Zwangsrekrutierung aller 21- bis 30-jährigen Männer zu. Von der Wehrpflicht ausgenommen sind Familienväter, Beamte und Pazifisten. Am 7. Juni erreichen die ersten US-Truppenverbände die französische Ostküste.
Lufthoheit« wird zum strategischen Vorteil
London, Mittwoch, 13. Juni 1917
Im vierten Kriegsjahr hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Luftkrieg einen wichtigen Beitrag zum Ausgang des Krieges leisten wird.
Kampfflugzeuge neuen Typs, die deutschen Langstreckenbomber »Gotha« greifen die britische Hauptstadt London an. Mehr als 500 Menschen finden den Tod.
Die Langstreckenbomber sind von großer strategischer Bedeutung. Erstmals kann das Hinterland des Feindes attackiert werden. Die mit zwei Mercedes-Motoren ausgerüsteten Doppeldecker sind 140 km/h schnell. Alle bisher verfügbaren Kampfflugzeuge erreichten kaum 100 km/h und waren daher ständig vom Abschuss durch die schnelleren Jagdflieger bedroht. Wenige Monate später bringen die Franzosen ihren»Bréguet XNB2« zum Einsatz, einen Doppeldecker-Langstreckenbomber, der auf 6000 m Höhe steigen kann und 200 km/h schnell ist.
Die eigentlichen Akteure des Luftkrieges sind jedoch die Jagdflieger mit maschinengewehrbestückten Flugzeugen, die sich über Schützengräben waghalsige Luftkämpfe liefern. In der Heimat und an allen Fronten werden sie als »Helden der Lüfte« glorifiziert. Zu ihnen zählen legendäre Gestalten wie der Deutsche Manfred von Richthofen, genannt »Der Rote Baron«, der Brite Edward Marnock und der Franzose Georges Guynemer.
Auf allen Seiten wird der Flugzeugbau forciert. Frankreich baute 1914 nur 541 Maschinen, 1916 waren es 7549, 1918 sind es 24 652. Weltweit werden im Krieg etwa 210 000 Flugzeuge gebaut.
Luftkrieg
Zu Beginn des Weltkrieges wurden Flugzeuge nur zu Aufklärungszwecken eingesetzt. Einzige Waffe im Luftkampf waren die zuerst auf deutscher Seite verwendeten Zeppeline, die jedoch wegen ihrer Wasserstofffüllung extrem explosionsgefährdet waren. Als sich die technische Ausstattung der Flugzeuge verbesserte, wurden sie luftkampftauglich. Es kam zu einer immer stärkeren Differenzierung der Flugzeugtypen u.a. in Jagdflugzeuge und Bomber.
Mata Hari hingerichtet
Vincennes, Montag, 15. Oktober 1917
Eine gefeierte Nackttänzerin mit Verbindungen zu höchsten Kreisen löst den aufsehenerregendsten Spionagefall des Ersten Weltkriegs aus.In einem Waldstück erschießt ein französisches Exekutionskommando die niederländische Tänzerin Mata Hari, mit richtigem Namen Margaretha Geertruida Zelle. Mata Hari war für den deutschen Nachrichtendienst tätig.
Am 7. August 1876 wurde Mata Hari in Leeuwarden geboren. 1897 ging sie mit ihrem Mann nach Java und lernte dort balinesische Tempeltänze kennen. Nach ihrer Scheidung kehrte sie 1903 nach Paris zurück und wurde Tänzerin in Montmartre. Ihre Nackttänze waren die Sensation der französischen Hauptstadt. Verehrer zahlten Tausende von Franc für eine Nacht mit ihr. Auf ihren Tourneen begeisterte sie das Publikum in ganz Europa.
Nach Kriegsausbruch zog sich Mata Hari in eine große Villa am Pariser Stadtwald Bois de Boulogne zurück. Von hier aus baute sie ein Spionagenetz auf und unterhielt regen Kontakt zu britischen und französischen Offizieren. Bei ihren zahlreichen Reisen arbeitete sie als Kurier für den deutschen Geheimdienst. Als sie zusätzlich ein französisches Spionageangebot annahm, wurde sie observiert und in Köln und Madrid zusammen mit einem deutschen Geheimdienstoffizier fotografiert. Nach ihrer Rückkehr nach Paris wurde die deutsche Agentin mit der Dienstnummer »H 21« verhaftet. Vergeblich beteuerte sie, den deutschen Offizier nur aufgesucht zu haben, um ihn auszuhorchen. Das Kriegsgericht fällte das Todesurteil.
Briten unterstützen Juden
London, Freitag, 2. November 1917
Die Zusage der Briten, sich für eine Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina einzusetzen, legt das Fundament für den Nahostkonflikt.Der britische Außenminister Arthur James Earl of Balfour verspricht – nach Verhandlungen mit Zionistenführer Chaim Weizmann – der zionistischen Bewegung die Unterstützung seiner Regierung bei der Errichtung eines »national home« für Juden in Palästina. Die Rechte nichtjüdischer Bewohner müssen gewahrt sein.
Das historische Siedlungsgebiet des jüdischen Volkes ist britisches Protektoratsgebiet. Osmanische Einheiten wurden nach den Kämpfen in den Jahren 1916 und 1917 aus Palästina verdrängt. Balfour betont in seinem Brief an den Vertreter der zionistischen Bewegung, Lord Walter Rothschild, dass die Ansiedlung von Menschen jüdischen Glaubens nur unter der strikten Anerkennung des Wohnrechts der nichtjüdischen Bevölkerung, der Respektierung ihres Glaubens und ihrer Lebensgewohnheiten möglich ist.
Seit dem Baseler Programm 1897 strebt der organisierte politische Zionismus unter Theodor Herzl für das jüdische Volk die Rückkehr nach Palästina an.
Die sog. Balfour-Deklaration wurde 1920 völkerrechtlich sanktioniert durch die Alliierte Konferenz von San Remo. Sie bleibt für Palästina auch nach seiner Übertragung als Völkerbundsmandat an Großbritannien verbindlich. Gegen diese vertraglichen Zusagen wenden sich arabische Nationalisten.
Oktoberrevolution erschüttert die Welt
Petrograd, Mittwoch, 7. November 1917
Die bolschewistische Oktoberrevolution, die das Ende der bestehenden Herrschaftsverhältnisse bedeutet, leitet eine neue Phase in der Weltgeschichte und der Geschichte der Völker ein. Zum ersten Mal übernimmt die Partei einer bäuerlich-proletarischen Bewegung die Macht in einem Staat. Erstmals ist eine sozialrevolutionäre Bewegung siegreich, die sich auf die theoretischen Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels beruft.Durch die Besetzung zentraler strategischer Punkte übernehmen revolutionäre Matrosen und Soldaten die Macht in der russischen Hauptstadt, beschießen und stürmen das Winterpalais, den Sitz der Provisorischen Regierung.
Das militärrevolutionäre Exekutivkomitee des Petersburger Sowjets unter
Leo D. Trotzki
erklärt am 8. November, dass die Macht in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrates übergegangen ist. Wladimir I. Lenin wird zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare gewählt. Die Oktoberrevolution – der 7. November entspricht nach russischer Zeitrechnung dem 25. Oktober – führt zur Gründung des ersten kommunistischen Staates der Welt.
Der Sturz der Zarenherrschaft sowie der Provisorischen Regierung und die Machtübernahme der Bolschewiki beendet einen sozialen Prozess, der im ausgehenden 19. Jahrhundert in Russland begonnen hatte. Die Intelligenz trug den Widerstand gegen das drückende Zarenregime und wurde von unzufriedenen Bauern und dem entstehenden Industrieproletariat unterstützt. In Ergänzung der Theorien von Karl Marx, der die Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus als zwangsläufige Folge eines klassenbewussten Proletariats definiert, fügt Lenin dem die Rolle der revolutionären Partei hinzu. Eine kleine Gruppe geschulter Revolutionäre soll als »Avantgarde der Arbeiterklasse« den letzten aller Klassenkämpfe einleiten.
Die innere Zerrüttung des Landes, dem der lang andauernde Krieg zu schaffen macht, führt zu immer neuen Aufständen in der Bevölkerung, zu Meutereien beim Militär und zu einer weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen. Die Nöte der Bevölkerung, der Arbeiter und Soldaten bilden den Rückhalt für die Arbeit der Bolschewiki (russ. Mehrheitler), wie sich Lenin und seine Anhänger seit ihrer Abspaltung von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands im Jahr 1903 nennen. Mit den Forderungen »Friede, Land und Brot« erreicht Lenin die notleidenden Massen und die Mehrheit in den Arbeiter- und Soldatenräten. Auch nach der Oktoberrevolution liegt die Macht nicht endgültig in den Händen der Bolschewisten. Ein jahrelanger blutiger Bürgerkrieg zwischen den »Roten« und den zarentreuen »Weißen« beginnt.
Februarrevolution: Am 11. März – nach russischer Rechnung am 26. Februar – beginnt die sog. Februarrevolution, an deren Ende am 15. März die Abdankung des Zaren Nikolaus II. und die Bildung einer bürgerlichen Provisorischen Regierung unter Georgi J. Lwow steht. Sie strebt eine politische Reform, aber keine soziale Revolution an. Kriegsverlauf und wirtschaftliche Zerrüttung führen zu Meutereien und Streiks in Armee und Betrieben. Am 21. Juli wird der gemäßigte Sozialrevolutionär Alexandr F. Kerenski Ministerpräsident.
»Aurora« bläst zum Sturm
Die Bolschewiki benötigen nur rd. 30 Stunden, um den revolutionären Aufstand in der Hauptstadt Russlands siegreich durchzuführen.
6. November
20 Uhr: Der bewaffnete Aufstand beginnt. Arbeiterbataillone und revolutionäre Truppen besetzen die wichtigsten Punkte in Petrograd.
22.40 Uhr: Der II. Allrussische Sowjetkongress wird eröffnet.
23 Uhr: Lenin trifft im Smolny-Institut ein und koordiniert die Arbeit des revolutionären Militärkomitees.
7. November
7 Uhr: Rote Garden besetzen die Newa-Brücken. Bolschewistische Soldaten kontrollieren alle Bahnhöfe und die Telefonzentrale.
9 Uhr: Die Provisorische Regierung schickt Telegramme an die Nordfront und fordert Truppen an. Zwei Radfahrerbataillone werden von den Bolschewiki aufgehalten.
18 Uhr: Das Winterpalais, Sitz der Provisorischen Regierung, ist von Revolutionären eingekreist.
21.45 Uhr: Die »Aurora« feuert einen Schuss als Signal zur Beschießung des Winterpalais ab.
24 Uhr: Die Erstürmung des Winterpalais beginnt.
8. November
1 Uhr: Die Verteidiger des Palais räumen das Erdgeschoss.
2.10 Uhr: Der Palast ist in der Hand der Aufständischen. Anwesende Mitglieder der Provisorischen Regierung werden verhaftet.
6 Uhr: Das Zentralkomitee der Bolschewiki diskutiert die Zusammensetzung der zukünftigen Sowjetregierung der Volkskommissare.
21 Uhr: Lenin bekundet den Willen der Bolschewiki, sofort einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen zu unterzeichnen.
Von Lenin bis Gorbatschow
Aufstieg, Stagnation, Diktatur und Reform sind bis zum Ende der Sowjetunion 1991 verbunden mit den Namen der Parteichefs der KPdSU.
Wladimir I. Lenin (1870-1924)
1903-24 im Amt, 1903 Gründer der Bolschewiki, entwickelte 1921 die »Neue Ökonomische Politik«.
Josef W. Stalin (1879-1953)
1924-53 im Amt, Diktator ab 1927, Ausschaltung der Opposition, förderte die Industrialisierung.
N. S. Chruschtschow (1894-71)
1953-64 im Amt, Entstalinisierung und sog. Tauwetterperiode, Ertragssteigerung der Landwirtschaft.
Leonid I. Breschnew (1906-82)
1964-82 im Amt, Aufbau der Sowjetunion als Weltmacht und als Hegemonialmacht im östlichen Bündnis.
Juri W. Andropow (1914-84)
1982-84 im Amt, der ehemalige KGB-Chef leitete »Reformen von oben« ein.
K. U. Tschernenko (1911-85)
1984-85 im Amt, konservatives Zwischenspiel, Reformverhinderer.
Michail S. Gorbatschow (*1931)
1985-91 im Amt, vollzog mit »Glasnost« und »Perestroika« die Demokratisierung der Sowjetunion, vereinbarte Abrüstung mit den USA.
Sieg der Mittelmächte am Isonzo
Udine, Sonntag, 2. Dezember 1917
In zwölf Schlachten am Fluss Isonzo zwischen der Adria und den Ausläufern der Alpen kommt es zu massiven Verlusten, ohne dass nennenswerte Erfolge zu verzeichnen sind.Die letzte der seit Juni 1915 tobenden Isonzo-Schlachten endet mit einer verheerenden Niederlage der Italiener gegen die verbündeten österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen. Die Mittelmächte erobern die italienische Provinz Friaul. Erst mit französischer und britischer Hilfe kann die zusammengebrochene italienische Frontlinie nördlich von Venedig auf der Linie des Flusses Piave neu aufgebaut werden.
Innerhalb von 18 Tagen eroberten die Mittelmächte 120 km² des italienischen Staatsgebietes. Nach eigenen Angaben beklagen die Italiener 10 000 Tote und 30 000 Verwundete. 300 000 Soldaten gerieten in Gefangenschaft, weitere 300 000 wurden fahnenflüchtig. Trotz dieser für die Mittelmächte günstigen Bilanz zögert die deutsche Oberste Heeresleitung mit der Fortsetzung der Offensive, da auch die deutschen Truppen deutlich geschwächt sind.
Seit der 10. und 11. Isonzo-Schlacht hat der österreichische Kaiser Karl I. die Oberste Heeresleitung um Unterstützung gebeten. Die Gelegenheit ist im Herbst 1917 günstig: Die Westfront des Deutschen Reiches ist gegenwärtig ruhig, die revolutionären Vorgänge in Russland erleichtern die Situation im Osten. Sieben aus der Bukowina und aus Frankreich herangezogene deutsche Divisionen führen zusammen mit vier österreichischen Divisionen bei Tolmein den Hauptangriff.
Südfront
Im Krieg gegen Italien kann Österreich-Ungarn die in der 12. Isonzo-Schlacht errungenen Vorteile nicht konservieren. Die letzte Großoffensive der k.u.k.-Armee scheitert am 25. Juni 1918 mit dem Rückzug in die Ausgangsstellungen. Die Italiener sind den schlecht ausgerüsteten Angreifern zahlenmäßig nicht mehr unterlegen. Da Österreich im Süden keine Angriffe mehr durchführen will, fordert die deutsche Heeresleitung die Verlegung der Truppen an die Westfront.
Finnland wird unabhängig
Helsinki, Dienstag, 4. Dezember 1917
Das ehemalige russische Großfürstentum Finnland nutzt die Revolutionswirren im zu Fall gebrachten Zarenreich und erklärt sich von Russland unabhängig.
Im finnischen Landtag verliest Senatspräsident
Pehr Evind Svinhufvud
die Unabhängigkeitserklärung. Bereits unter Zar Nikolaus II. war den Finnen relative politische Autonomie gewährt worden. Der russische Einfluss auf Verwaltung und Politik blieb jedoch erhalten.
Mit dem Sieg der russischen Revolution hat sich die Situation für alle unter russischer Oberherrschaft stehenden Völker gewandelt. Getreu ihrer Auffassung vom politischen Selbstbestimmungsrecht der Völker akzeptiert die bolschewistische Regierung unter Lenin am 31. Dezember den neuen Status des Landes. Im Januar 1918 unterstützen die Bolschewiki jedoch einen Putsch der finnischen Kommunisten, der in den Bürgerkrieg führt.
Waffenruhe im Osten
Brest-Litowsk, Samstag, 22. Dezember 1917
Da der Krieg Kräfte verbraucht, welche die bolschewistische Regierung zur Durchsetzung ihrer Macht im Innern benötigt, ist sie an einem schnellen Frieden interessiert.Zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn einerseits und der neuen sowjetischen Regierung beginnen Friedensverhandlungen. Bereits am 15. Dezember war ein Waffenstillstand bis zum 14. Januar 1918 beschlossen worden.
Auch die deutsche Delegation ist an der Entlastung der Ostfront interessiert, um die Truppen im Westen einsetzen zu können. Das Hauptproblem der Verhandlungen ist die Frage eines Friedens ohne Annexionen. Die deutsche Seite ist an ihre Position gebunden durch die Errichtung des neuen Staates Polen und durch die Landesräte von Litauen und Kurland, die das Deutsche Reich um Schutz gebeten haben. Die deutschen Unterhändler wollen eine Abtrennung des Baltikums, Polens und der Ukraine von Russland erreichen. Diese Gebiete sollen sich an die Mittelmächte anlehnen.
Die Sowjetregierung geht von der Selbstbestimmung der Völker aus, erkennt aber die Unabhängigkeitserklärungen Polens und Litauens nicht an, weil sie nicht durch Volksabstimmungen zustande gekommen sind. Sie besteht insgesamt auf einem annexionsfreien Frieden.
Angesichts der strittigen Fragen einigt man sich 1917 nicht mehr (erst 1918). Die mit Russland verbündeten Regierungen protestieren gegen die Verhandlungen.
Militärführung dominiert Politik
Montag, 31. Dezember 1917
Bis in konservative Kreise hinein hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass nur ein bedingungsloser Friede das Reich retten könne. Uneinsichtig bleibt die militärische Führung.
OHL gewinnt Einfluss: In einer für ihn aussichtslosen politischen Lage tritt am 14. Juli Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zurück. Sein Nachfolger wird der Zufallskandidat der Obersten Heeresleitung (OHL), Georg Michaelis. Das Parlament hatte nach einer Rede des Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger über die alarmierende militärische und wirtschaftliche Situation dessen Vorschlag zugestimmt, der Entente einen bedingungslosen Frieden ohne Annexionen anzubieten. Die OHL unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, in der Frage des uneingeschränkten U-Boot-Krieges mit dem Kanzler zerstritten, setzt dagegen weiter auf einen militärischen Sieg des Reiches.
Wegen der Vermittlungsbemühungen des Reichskanzlers drohen Hindenburg und Ludendorff mit ihrem Rücktritt von der OHL, falls Bethmann Hollweg weiter im Amt bleibe. Mit der Ernennung von Michaelis wächst der Einfluss der OHL auf die politische Führung.
Erneuter Kanzlerwechsel: Wegen fehlender parlamentarischer Unterstützung tritt Reichskanzler Georg Michaelis am 24. Oktober zurück. Am 1. November ernennt Kaiser Wilhelm II. den bayerischen Ministerpräsidenten Georg Graf Hertling zum neuen Reichskanzler. Der Zentrumspolitiker gilt als Vertreter des rechten Flügels seiner Partei und pflegt ein vertrauensvolles Verhältnis zu General Ludendorff.
Strategischer Rückzug: Auf Anordnung der OHL beginnt die an der Westfront kämpfende Heeresgruppe »Kronprinz Rupprecht« am 28. Februar mit dem Rückzug auf die gutausgebaute sog. Siegfriedstellung. Die Aktion erfolgt, weil die deutsche Führung mit einem Großangriff der britischen und französischen Truppen rechnet. Die sich von Arras über St. Quentin-la-ferre bis nach Vailly erstreckende Kampflinie verkürzt die Front und führt zu einer Einsparung von 13 Divisionen.
USPD gegründet: In Gotha geht am 8. April die Reichskonferenz der innerparteilichen Opposition der SPD mit der Gründung der linksorientierten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) zu Ende. Die USPD steht sowohl im grundsätzlichen Widerspruch zur Reichsregierung als auch zur kriegsunterstützenden Politik der Mehrheits-SPD. Die Führung der Partei übernehmen Hugo Haase und Wilhelm Dittmann. Auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erklären ihren Beitritt.
Meuterei: Matrosen des Linienschiffs »Prinzregent Luitpold« bilden einen Soldatenrat und demonstrieren am 2. August für einen sofortigen, annexionslosen Frieden. In Wilhelmshaven halten sie eine Protestversammlung ab und drohen mit Generalstreik. Nach ihrer Rückkehr auf das Schiff werden die Rädelsführer verhaftet und wegen Verrats angeklagt. Die Heizer Alfred Köbis und Max Reichpietsch werden am 5. September hingerichtet.
Kriegsmüdigkeit
Millionen Soldaten sterben auf den Schlachtfeldern und die Bevölkerung zu Hause hungert. Nach einer Statistik des Reichsamtes des Innern sterben 1917 rd. 260 000 Menschen unmittelbar an den Folgen der Mangelernährung. Vor allem der ärmere Teil der Bevölkerung beginnt, sich gegen den Krieg zu erheben. Streiks und Meutereien breiten sich aus.
Hunger: Die Ernährungsnot der Zivilbevölkerung erreicht als Folge der britischen Seeblockade ein fast unerträgliches Maß. Die schlechte Ernte des Vorjahres führt 1916/17 zum ersten sog. Steckrübenwinter, in dem Kohlrüben als Ersatz für Kartoffeln und Brot dienen müssen. Lange Schlangen vor den Geschäften und Hamsterfahrten aufs Land gehören zum Alltag.
Streiks: Die Versorgungslage, insbesondere die Verkürzung der Brotrationen, führt am 16. April zu Massenstreiks in Berlin, Leipzig, Magdeburg, Kiel, Hamburg, Bremen und Nürnberg. In Berlin erfasst der Ausstand 319 Betriebe. 217 420 der rd. 270 000 Arbeiter beteiligen sich. Als Strafmaßnahme müssen Tausende von Streikführern an die Front.
Wucher: Es häufen sich Fälle von dreistem Kriegswucher. An der Not der Bevölkerung verdienen Schwarzhändler und Schieber. In immer größerer Zahl werden unseriöse Kaufleute gestellt. Besonders häufig kommt z.B. mit Wasser gestreckte Milch auf den Markt.
Trauerverbot: Die Verwaltungen der Großstädte fordern Angehörige Gefallener auf, keine schwarze Trauerkleidung anzulegen. Dahinter steht u.a. die Absicht, durch diesen Anblick die Stimmung nicht noch weiter zu verschlechtern.