Was war im Jahr Anno 1904
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Afrikas Kolonien im Würgegriff
London, Sonntag, 14. Februar 1904
Ausbeutung und Misshandlung der Eingeborenen auf dem afrikanischen Kontinent führen zu verzweifelten Aufständen, die von den europäischen Kolonialherren brutal niedergeschlagen werden. Mit dem zentralafrikanischen Kongogebiet hält sich Belgiens König Leopold II. eine Privatkolonie, in der Folter, Hinrichtung und Mord an der Tagesordnung sind.
Nachrichten über unhaltbare Zustände in der belgischen Kongokolonie empören die Weltöffentlichkeit. Nach dem Bericht des britischen Konsuls Roger Casement, der eine mehrmonatige Informationsreise durch die Kongokolonie unternommen hatte, werden die Eingeborenen unter Androhung und Ausführung unmenschlicher Strafen zur Arbeit gezwungen.
Die Eingeborenen sind verpflichtet, ein bestimmtes Quantum des in Europa begehrten und teuren Rohkautschuks an die Belgier abzuliefern. Geschieht dies nicht, greifen die Behörden, die prozentual am Kautschukerlös beteiligt sind, u.a. zu Foltermethoden. Diese Berichte bewegen Casement und den Journalisten Edmund D. Morel am 25. März zur Gründung der »Congo Reform Association«, die weltweit für eine Verbesserung der Zustände im Kongo eintritt.
Deutsch-Südwest: In der Kolonie Deutsch-Südwestafrika bricht am 12. Januar unter Samuel Maharero ein Aufstand der Herero gegen die deutsche Kolonialherrschaft aus. Die Ursachen der Erhebung liegen in der ausbeuterischen Behandlung der Schwarzen durch weiße Händler und in der Landnahme durch weiße Siedler. Am 11. August werden die Herero von der deutschen Schutztruppe in der Schlacht am Waterberg vernichtend geschlagen. Die Überlebenden des Bantu-Hirtenvolkes werden auf Befehl des deutschen Oberbefehlshabers Lothar von Trotha in die Omaheke-Wüste abgedrängt, wo viele verdursten. Der Vernichtungsfeldzug kostet rd. drei Viertel der vormals 80 000 Herero das Leben.
Am 3. Oktober erheben sich unter Führung von Hendrik Witbooi mehrere Gruppen der Nama. Nach einem langwierigen Guerillakrieg wird der Kriegszustand in Deutsch-Südwestafrika erst am 31. März 1907 aufgehoben.
Angola und Mosambik: In militärischen Einzelaktionen versuchen portugiesische Truppen, die Eingeborenen-Stämme zu unterwerfen. Die Herrschaft der ältesten Kolonialmacht in Afrika beschränkt sich auf wenige Städte, den Küstenstreifen und kleinere Gebiete im Landesinnern. Am 25. September erleiden portugiesische Truppen bei einem Feldzug gegen die Cuamato eine Niederlage, die 305 Soldaten das Leben kostet.
Britisch-Somalia: Britische Kolonialtruppen brechen am 11. Januar in einer Schlacht den Widerstand des Scheichs Ibn Muhammad Abd Allah Hassan. Mehr als 1000 seiner Anhänger werden getötet. Es ist der vierte Versuch seit 1900, den Widerstand der islamischen Stämme gegen die britische Kolonialherrschaft zu brechen. Scheich Muhammad ist Mitglied eines Derwisch-Ordens, der den islamischen Glauben durch die europäische Missionierung bedroht sieht.
Hendrik Witbooi
Der einflussreichste Führer des Kriegervolks der Nama leitet den Aufstand seines Stammes gegen die deutschen Kolonialherren, ehe er im November 1905 bei Kampfhandlungen umkommt. Witbooi wurde 1838 geboren und in einer Schule der Rheinischen Mission erzogen. Mit 25 Jahren konvertierte er zum Christentum. Vor allem die Befürchtung, die Deutschen würden nach der Niederschlagung der Herero auch die Nama vernichten, hat Witbooi dazu bewogen, den Kampf aufzunehmen. Zuvor hatte Witbooi mit den Deutschen kooperiert.
Kongogreuel
Seit 1885 steht die belgische Kongokolonie als »Privatkolonie« unter der persönlichen Herrschaft des belgischen Königs Leopold II., der sich rücksichtslos bereichert. Zur Durchsetzung ihrer Interessen greifen die Behörden zu Auspeitschungen, Verstümmelungen und wahllosen Erschießungen. In vielen Gebieten haben jahrzehntelange Ausbeutung und Unterdrückung einen drastischen Rückgang der Bevölkerung bewirkt.
Erfolg für »Madame Butterfly«
Mailand, Mittwoch, 17. Februar 1904
Ein Triumph erst »im zweiten Anlauf« macht Giacomo Puccini mit seiner »Madame Butterfly« endgültig zum anerkannten Nachfolger des im Jahr 1901 verstorbenen Giuseppe Verdi als erster Opernkomponist Italiens.
Die Uraufführung von Puccinis »Madame Butterfly« an der Scala wird zunächst ein eklatanter Misserfolg. Erst nach der Überarbeitung der Oper durch den Komponisten und einer zweiten Erstaufführung am 28. Mai in Brescia findet das Werk Anklang beim Publikum.
Bei der Mailänder Uraufführung kommt es zu Skandalszenen, Zwischenrufen, Verhöhnungen und boshaftem Gelächter. Mitschuldig an diesem von Puccinis Kritikern angeheiztem Fiasko ist die Einteilung des Werkes in nur zwei überlange Akte, die das Publikum auf eine harte Geduldsprobe stellen. Nach der missglückten Uraufführung gesteht Puccini die u.a. von seinen Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica sowie dem Verleger Giulio Ricordi aufgezeigten Mängel ein. Er entfernt Längen, fügt für den vernachlässigten Tenor die berühmte Szene »Addio, fiorito asil« ein, teilt den zweiten Akt in zwei Akte und verbindet sie durch ein symphonisches Intermezzo.
Die Oper »Madame Butterfly«, in der das fernöstliche Kolorit nur angedeutet wird, ist in Text und Musik ein psychologisches, ganz auf die Gestalt der Cho-Cho-San (Uraufführung: Rosina Storchio) konzentriertes Drama. Die Musik ergeht sich in präziser Detailschilderung, ist stark leitmotivisch und wahrt bei aller Darstellung der »kleinen Dinge« doch die große Linie des durchkomponierten Musikdramas. Die Melodik des Stücks ist wie immer bei Giacomo Puccini inspiriert und von ausgesprochener Leidenschaftlichkeit, z.B. im Duett des ersten Akts, das eine sommerliche Liebesnacht darstellt.
Giacomo Puccini
Der letzte große italienische Musikdramatiker des 20. Jahrhunderts (*22.12.1858) gehört neben Mozart, Wagner und Verdi zu den meistaufgeführten Opernkomponisten der Welt. Seinen internationalen Durchbruch errang er 1893 mit der Uraufführung seiner dritten Oper »Manon Lescaut«. Zu den Höhepunkten seines Schaffens gehören außerdem »La Bohème« (1896) und »Tosca« (1900). In seinem Werk bevorzugt er die Gestaltung weiblicher Charaktere. Sein aufwendiger Lebensstil ist der eines Bohemiens. Der elegante Mann von Welt, der 1924 in Brüssel stirbt, besitzt Automobile, Motorboote und eine luxuriöse Villa in Torre del Lago.
»Entente cordiale« verändert Machtgefüge
London, Freitag, 8. April 1904
Die Großmächte Großbritannien und Frankreich beenden in einem bündnisähnlichen Abkommen ihren jahrhundertealten Gegensatz. Nach der Beseitigung der kolonialen Reibflächen ist der Weg frei für eine engere politisch-militärische Zusammenarbeit. Für das mit Großbritannien rivalisierende Deutsche Reich ist der britisch-französische Ausgleich eine politische Niederlage. Nach dem russisch-französischen Pakt von 1892 bedeutet die »Entente cordiale« für Berlin eine weitere Isolierung innerhalb Europas.
Der britische Außenminister Henry Charles Keith Marquess of Lansdowne und der französische Botschafter in Großbritannien, Paul Cambon, unterzeichnen ein Abkommen zur Beilegung der Differenzen ihrer Länder in den Kolonien. Die Bedeutung der »Entente cordiale« (»herzliches Einvernehmen«) reicht weit über den Anlass hinaus. Mit dieser Annäherung ändert sich das Kräfteverhältnis in Europa grundlegend zum Nachteil des Deutschen Reichs.
Unter dem Eindruck des drohenden Konflikts mit dem Deutschen Reich strebt Großbritannien an, Probleme mit anderen Staaten auszuräumen, um sich den Rücken freizuhalten. Nachdem London seine Rivalität mit Frankreich entschärft hat, kann es sich ganz auf die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reich konzentrieren.
Die Aufteilung ihrer kolonialen Einflusssphären gestalten die Vertragspartner wie folgt:
Frankreich erkennt das britische Protektorat über Ägypten und Ostafrika an. Großbritannien sichert die vollständige Neutralität des Sueskanals und die Respektierung der französischen Vertrags- und Gewohnheitsrechte zu. Frankreich erhält freie Hand in Marokko. Ferner einigen sich die Vertragspartner u.a. über die Besitzrechte in West- und Zentralafrika und über Fischereirechte in Neufundland.
In Berlin herrscht Verbitterung darüber, dass die deutschen Interessen in Marokko bei der britisch-französischen Absprache unberücksichtigt bleiben. In der Konsequenz bedeutet die »Entente cordiale« eine Niederlage der Wilhelminischen »Weltpolitik«.
London akzeptiert Partner
Mit der Aufgabe der sog. Splendid Isolation rückt Großbritannien vom Prinzip der Bündnislosigkeit ab.
Die Splendid Isolation (»glanzvolles Alleinsein«) war das bestimmende Prinzip der britischen Außenpolitik im 19. Jahrhundert. Um politische Handlungsfreiheit zu wahren, vermied Großbritannien vertragliche Bindungen mit europäischen Großmächten.
Anstelle der Splendid Isolation setzte London den Ausgleich mit seinen kolonialpolitischen Rivalen Japan und Frankreich. Ein 1902 geschlossenes Bündnis mit Japan richtete sich gegen die russische Expansion in Ostasien. Die »Entente cordiale« wurde u.a. durch Besuche des britischen Königs Edward VII. 1903 in Paris und einen Gegenbesuch von Frankreichs Außenminister Théophile Delcassé in London vorbereitet.
Berlins neue »Weltpolitik«
Seit Kaiser Wilhelm II. regiert (1888), hat die deutsche Außenpolitik an Berechenbarkeit eingebüßt.
Die Entlassung Bismarcks 1890 markiert einen Wendepunkt in der Außenpolitik des Deutschen Reiches. Anstelle der defensiven Politik des greisen Reichskanzlers, die auf Verständigung mit Russland und auf Vermeidung eines Interessengegensatzes mit Großbritannien beruhte, trat der Wilhelminische »Neue Kurs« der »Weltpolitik«. Die Deutschen sollten an der kolonialen Aufteilung der Welt teilhaben.
Der Weltmachtanspruch bringt das Deutsche Reich auf Konfrontationskurs zu Großbritannien. Neben der wachsenden Handelsrivalität belastet vor allem die seit 1898 verfolgte deutsche Flottenaufrüstung das deutsch-britische Verhältnis. Die »Entente cordiale« kommt für Berlin überraschend.
Olympia ganz unolympisch
St. Louis, Freitag, 1. Juli 1904
Bei den dritten Olympischen Spielen moderner Zeitrechnung überlagern Chaos und nationaler Chauvinismus die Olympische Idee.
Mit dem Mehrkampf der Turner beginnen die Spiele, die wie in Paris lediglich Anhängsel der Weltausstellung sind.
Erfolgreichster Olympionike ist der deutschstämmige Amerikaner Anton Heida, der im Turnen fünf Gold- und eine Silbermedaille gewinnt. Fehlende Internationalität und mangelhafte Organisation lassen bei den Spielen, die bis zum 23. November dauern, gute sportliche Leistungen in den Hintergrund treten und belasten die junge olympische Bewegung schwer.
Der Missbrauch der Medaillenträger zu wirtschaftlichen Werbezwecken, nationalistische Tendenzen und Rassendiskriminierung degenerieren die olympische Idee von Frieden und Völkerfreundschaft. Die sog. Anthropologischen Tage verspotten in einer Mischung aus Folklore- und Kuriositätenshow ethnische Minderheiten wie Pygmäen und Indianer. Wütend und erschreckt genehmigt IOC-Präsident Pierre de Coubertin für 1906 »Olympische Zwischenspiele«.
Briten erobern das Dach der Welt
Lhasa, Mittwoch, 3. August 1904 Großbritannien nutzt die politische Ohnmacht Chinas, um sich gewaltsam Einfluss in dem unter chinesischem Protektorat stehenden Himalajaland Tibet zu sichern.
Eine britische Militärexpedition besetzt, vom Nachbarland Indien aus angreifend, die tibetische Hauptstadt. Der XIII. Dalai Lama, das Oberhaupt der Tibeter, ist zuvor geflohen. Die Verteidiger waren den modern ausgerüsteten Europäern hoffnungslos unterlegen.
Unter dem Druck der militärischen Besetzung schließt Tibet am 7. September mit Großbritannien einen Vertrag, der das Land zum britischen Vasallen macht. Das Abkommen von Lhasa sieht u.a. Entschädigungszahlungen, die Errichtung von britischen Handelsniederlassungen sowie ein Verbot von Aktivitäten dritter Staaten in Tibet vor. Zugleich wird Tibet gezwungen, zwischen der Grenze und Lhasa sämtliche Befestigungsanlagen zu schleifen.
Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts gilt das Himalajaland aus Sicht britischer Asienpolitik als Problem. Tibet weigerte sich, zwei britisch-chinesische Abkommen (1890, 1893) anzuerkennen. Schließlich nutzt London die Schwäche Chinas nach dem gescheiterten Boxeraufstand und die Verwicklung Russlands in den Konflikt mit Japan.
Riesiges Empire
Großbritannien hat im 19. Jahrhundert das größte Kolonialreich aller imperialistischen Mächte aufgebaut. Auch in Asien ist Großbritannien die größte koloniale Landmacht. Hauptstützpunkt in Asien ist Indien, das 1858 an die britische Krone fiel. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte London seine koloniale Expansion über Indien hinaus in Richtung Nepal, Birma, Afghanistan und China vorangetrieben.
Korea: Kriegsbeute für Japan
Seoul, Montag, 22. August 1904
Die Bestrebungen Japans, seine Position auf dem Festland zu festigen, haben Erfolg. Als Folge des Russisch-Japanischen Krieges wird Japan koreanische Schutzmacht.
Durch einen Vertrag mit Korea erhält Japan weitgehenden Einfluss auf die koreanische Innen- und Außenpolitik.
Die Rivalität zwischen Japan und Russland um den Einfluss in Korea gehört zu den Ursachen für den Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges. Für Japan ist das politisch schwache Kaiserreich Korea von großem strategischem und wirtschaftlichem Interesse. Der bisherige Kriegsverlauf mit der Landung japanischer Truppen auf koreanischem Gebiet hat erste Fakten geschaffen. Bereits im japanisch-koreanischen Vertrag vom 23. Februar 1904 wurde die Selbstständigkeit Koreas erheblich eingeschränkt. Nach dem Ende des russisch-japanischen Krieges erhält die Siegermacht Japan am 5. September 1905 die Vorherrschaft über Korea offiziell zugesprochen.
Marokko wird aufgeteilt
Paris, Montag, 3. Oktober 1904
Das nominell selbstständige Marokko wird zu einem Spielball der europäischen Mächte. Frankreich und Spanien grenzen ihre nordafrikanische Einflusssphären ab.
In einem Vertrag mit Spanien festigt Frankreich seine Position in Marokko.
Spanien, das die nordafrikanische Küste lange Zeit als sein natürliches Interessengebiet angesehen hatte, muss auf weite Teile im Hinterland Marokkos mit den Städten Fes und Tanger verzichten. Aufgrund seiner politischen und wirtschaftlichen Schwäche vermochte Spanien seine starke Position, die es noch im 19. Jahrhundert innehatte, nicht mehr zu halten. Das spanisch-französische Kolonialabkommen vom 27. Juni 1900 führte zu einer ersten Abgrenzung der Einflussgebiete.
Aus Angst, in den britisch-französischen Interessenkonflikt um Nordafrika verwickelt zu werden, übernahm Madrid keine aktive Rolle in der weiteren internationalen Auseinandersetzung um Marokko. Die britisch-französische Verständigung in der »Entente cordiale« erfolgte ohne Spanien.
Pawlow klassifiziert Reflexe
Stockholm, Samstag, 10. Dezember 1904
Mit seiner Reflexphysiologie widmet sich der russische Wissenschaftler Iwan P. Pawlow den Grundlagen des Verhaltens und des Lernens.
Der Physiologe Pawlow erhält den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie für seine grundlegende Forschung über die Physiologie der Verdauung, speziell der nervalen Steuerung der inneren Sekretion. Pawlow prägte die Begriffe »bedingter« und »unbedingter« Reflex. Dies wurde zur Grundlage des Behaviorismus.
Aus Großstädten werden Metropolen
Samstag, 31. Dezember 1904
Mit rd. 60 Mio. Einwohnern rangiert das Deutsche Reich an dritter Stelle unter den »Weltstaaten«. Nur das Russische Reich (125 Mio.) und die USA (76 Mio.) weisen eine größere Bevölkerungszahl auf. Seit der Reichsgründung im Jahr 1871 hat sich ein Zuwachs von 47,7% ergeben. Zugleich ist das Deutsche Reich eines der am dichtesten besiedelten Länder. 112 Menschen leben statistisch gesehen auf einem Quadratkilometer.
Wohnungsnot: In der Woche vom 10. bis 17. Dezember überschreitet die Einwohnerzahl der Reichshauptstadt Berlin die Zweimillionen-Grenze. Berlin durchlief in den letzten Jahren eine stürmische städtebauliche und demographische Entwicklung. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt. Die Infrastruktur kann mit dem Bevölkerungszustrom kaum Schritt halten. Die zunehmend industriell geprägte Stadt wurde ebenso wie die rasch wachsenden Randgemeinden zum Objekt wilder Bauspekulation. Vor allem im Osten, Südosten und Norden der Stadt leben die unteren sozialen Schichten in katastrophalen Verhältnissen, da die Berliner Bauordnung eine übermäßige Baudichte gestattet. Die Mehrheit der zugewanderten Arbeiter haust in ungesunden, völlig überbelegten Wohnungen mit bis zu sechs Hinterhöfen. Berlin ist die größte Mietskasernenstadt der Welt.
Arbeitskampf: Nach 21 Wochen endet am 17. Januar der erbittert geführte Streik der Textilarbeiter und -arbeiterinnen im sächsischen Crimmitschau. Obwohl das Ziel, die Einführung des Zehnstundentages, nicht erreicht ist, nehmen die Streikenden die Arbeit wieder auf. Ausschlaggebend war die Befürchtung, dass ein noch längerer Arbeitskampf die Existenz der gesamten Industrie in Crimmitschau gefährden könnte. Am 4. Dezember 1903 war über Crimmitschau der sog. kleine Belagerungszustand verhängt worden. Aus einem lokalen Streik wurde eine generelle Kraftprobe zwischen der Arbeiterbewegung und den Unternehmern im Deutschen Reich.
Finanzreform: Die gestiegenen Rüstungsausgaben haben den Reichshaushalt zerrüttet. Die Reichsschuld beträgt 3 Mrd. Mark gegenüber 1 Mrd. Mark 1890. Am 9. Mai beschließt der Reichstag deshalb ein Reformgesetz, das die gesamten Zolleinnahmen und die Einnahmen aus der Tabaksteuer künftig beim Reich belässt. Bis dahin war ein Teil an die Einzelstaaten geflossen.
Boulevard-Blatt: Am 22. Oktober erscheint mit der »B.Z. am Mittag« aus dem Berliner Ullstein-Verlag die erste Boulevard-Zeitung im Deutschen Reich. Durch den Direktverkauf und die mittägliche Auslieferung füllt die »B.Z.« eine Marktlücke.
Wertheim: In Berlin wird im Dezember mit dem »Wertheim« eines der großen Kaufhäuser Europas fertig gestellt. Es gilt Architekturhistorikern als Meilenstein der Moderne.
Kunst in Berlin
Am 18. Dezember wird auf der sog. Museumsinsel in Berlin das Kaiser-Friedrich-Museum eingeweiht. Zu den Schwerpunkten der Sammlung zählen die altdeutsche Malerei und die Kunst der Renaissance.
Direktor Wilhelm von Bode hat in den Räumen eine neuartige Form der Ausstellung realisiert, die für reichlich Diskussionsstoff sorgt. Auch das nach Plänen des Architekten Ernst von Ihne im Wilhelminischen Barockstil entworfene Gebäude stößt auf heftige Kritik.
Vor allem in der Anordnung der Kunstgegenstände werden neue Wege beschritten. So werden Gemälde und Skulpturen nicht, wie in anderen Museen voneinander getrennt gezeigt, sondern aufeinander bezogen in einem Raum. Möbelstücke, Wandteppiche und Kunsthandwerk ergänzen die im Mittelpunkt stehenden Exponate. So wird es dem Besucher leichter gemacht, sich eine historische Epoche in ihrer kulturellen Gesamtheit zu vergegenwärtigen.
Diese Ausstellungskonzeption wird zum Vorbild für andere Museen. Erste Anregungen für ein »Epochenmuseum« gehen u.a. auf eine Denkschrift des damaligen Kronprinzen Friedrich und seiner Frau Viktoria aus dem Jahr 1883 zurück. Endgültig in Angriff genommen wurde das Museumsprojekt im Jahr 1896.
Im 19. Jahrhundert begann die Entwicklung des Museums, das sich von der fürstlichen Kunstsammlung zur bürgerlichen Bildungsinstitution entwickelte. Eines der ersten Museen war das Fridericianum in Kassel (1776).